Kommentar

Zwischen großen Idealen und Selbstausbeutung: Arbeiten in der Community

Ein Job in der Szene: wovon einige träumen, ist für andere vor allem harte Realität unter oft prekären Arbeitsbedingungen. Jim Baker vom Querverlag zieht, nach 30 Jahren Community-Arbeit, Bilanz

Jim Baker © Rolf Klaiber

14.01.18 – Was für Menschen arbeiten eigentlich für „die Community“? Sind das selbstlose IdealistInnen? Selbstverliebte IndividualistInnen? BerufsanfängerInnen, die ein Sprungbrett für die Karriere suchen? Unangepasste QuerulantInnen, die es „in der richtigen Welt“ sonst schwer hätten? Die simple Antwort lautet: Ja.

Ja, diejenigen, die „für die Szene“ arbeiten, sind so unterschiedlich wie die so oft imaginierte „Community“ auch. Von der Thekenkraft im SchwuZ bis hin zu der Leiterin des Lesbenarchivs Spinnboden – die Motivation, für einen LGBTIQ-Laden zu arbeiten, besteht selten darin, Geld zu scheffeln oder Prestige zu erlangen. Vielmehr begreifen die meisten Menschen in diesem Sektor ihre Arbeit als „irgendwie politisch“ und „emanzipatorisch“. Wir leisten „unseren kleinen Beitrag“ zu einer besseren Welt. Das mag verklärt-Siebziger klingen, verrät allerdings womöglich den kleinsten gemeinsamen Nenner für ein Arbeitsverhältnis im Regenbogen-Bereich. Auf die Frage: „Warum suchst du denn nicht woanders Arbeit?“, erzählen dann die meisten von „dem tollen Team“, „der lockeren Arbeitsatmosphäre“, „der Bedeutung der Nähe“ zur Szene. Da fallen dann sogar einem psychologischem Laien wie mir die Ähnlichkeiten zu Familienstrukturen auf. Suchen wir also alle Familienersatz?

Nach über 30 Jahren lesbisch-schwuler Community-Arbeit bin ich der festen Überzeugung, dass wir uns die Kraft und die Energie, nahe am Ehrenamt zu arbeiten, letztlich selber holen müssen. Denn eins ist fatal: die Erwartung, dass die Community es einem dankt. Allzu oft höre ich von amtsmüden AussteigerInnen die Erklärung, neben „beschissenen Gehältern“ sei das Fehlen einer Wertschätzung ihrer Arbeit durch die Community ein Grund für den Weggang. Der Fakt lässt sich nicht leugnen, dass die meisten Arbeitsplätze in der Szene bestenfalls als „prekär“ oder „im niedrigen Lohnsegment“, schlimmstenfalls als „Selbstausbeutung“ zu beschreiben sind. Und viele es sich gar nicht (mehr) leisten können, ihren Idealen zu folgen. Dazu kommt die Tatsache, dass die Grenzen zwischen privat und beruflich oft verschwinden, da man ja „stets im Dienst“ ist. Und nicht selten wird man zur Zielscheibe derjenigen, die Kritik an der Szene haben – und wer hat sie nicht? Das alles als Erklärungsversuch dafür, dass viele „Berufsqueers“ nach einigen Jahren desillusioniert den Dienst quittieren. Und sich nach normalen Arbeitszeiten, einem üblichen Tariflohn und einem Arbeitgeber sehnen, der einem vielleicht sogar die Überstunden vergütet.

Bei all diesen wichtigen Überlegungen darf aber eins nicht aus dem Blick geraten: die Szene selbst. Da sollten alle, die von den über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen profitieren, sich fragen, wie ihr Leben denn ohne aussähe. Klar gäbe es trotzdem ein reges Nachtleben in Berlin. Und klar hielten die einzelnen Berliner Kieze ein reichhaltiges Freizeitangebot parat. Doch ohne die vielen Vereine, Läden, Beratungsstellen und Medien für LGBTIQ-Menschen, die sich im kapitalistischen Gedränge noch irgendwie behaupten, wäre unser Leben ein anderes. Und das ist, aller nötigen (Selbst-)Kritik zum Trotz, doch auch immer mal wieder Anerkennung Wert.

Jim Baker




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