Kultur

Judith Butler im HAU: Über Sprechverbote in rechten und linken Bewegungen

Die umstrittene Philosophin und Geschlechterforscherin Judith Butler war gestern zu Gast im HAU, um über gesellschaftlichen Widerstand zu diskutieren. Doch gab es dabei auch neue Erkenntnisse? Ein Nachbericht

Judith Butler © Tanja Schnitzler

30.04.18 – Mit „Gender Trouble” wurde sie weltberühmt. Das Buch zählt nicht nur zu einem Standardwerk und Wendepunkt der Geschlechterforschung, sondern auch zu einem der Ursprungswerke der Queer Theory. Judith Butler ist aber nicht nur eine in feministischen und queeren Communities sehr gefragte, sondern u. a. – auch wegen der letztjährigen Debatten um den Sammelband „Beißreflexe” und Butlers Replik darauf – teils umstrittene Persönlichkeit. Am vergangenen Sonntag war sie zu Gast im „HAU Hebbel am Ufer” in Berlin, um über heutige Formen des gesellschaftlichen Widerstands zu sprechen.

Das Recht, Rechte zu haben. Wer vergibt einem Rechte, wie zum Beispiel das Recht auf Redefreiheit oder Versammlungsfreiheit? Wer kann sie einem nehmen? Bezug nehmend auf die einflussreiche Philosophin Hannah Arendt war dies eines der zentralen Themen, die Judith Butler zusammen mit der Professorin für praktische Philosophie Rahel Jaeggi und der Soziologin und Mitbegründerin der deutschen Queer Theory Sabine Hark diskutierte. Rechte, die queer StaatsbürgerInnen hierzulande als selbstverständlich betrachten, müssen Geflüchtete, MigrantInnen und insbesondere Staatenlose immer wieder für sich beanspruchen, wenn etwa wie jüngst die AfD den Artikel 8 des Grundgesetzes nur auf deutsche StaatsbürgerInnen beschränken will.

Bezugnehmend auf die aktuelle Debatte um Geflüchtete, verlagerte sich die Diskussion auch zu rechten, autoritären Bewegungen wie Pegida, sowie linken, (vermeintlich?) nicht-autoritären Gruppen wie die progressive, queere Szene. In beiden Strömungen findet sich das Gefühl eines Sprechverbots wieder, was dann wiederum den Bogen schlug zur Talkreihe „Fearless Speech”, zu der die Veranstaltung gehörte. Ist Widerstand ein Ausdruck furchtloser Sprache? Wer spricht zu wem, vor wem und über was wird gesprochen? Was fürchten wir eigentlich? Letztere ist natürlich eine Frage, die einen gewissen Mut der Sprechenden suggeriert.

Im Falle von Rassismus wäre das aber vorgetäuschter Mut, so Jaeggi. Man brauche keinen Mut, um RassistIn zu sein, auch wenn manche das mit dem Ausdruck „das wird man wohl aber noch sagen dürfen” suggerieren wollen und eine menschenverachtende Sprache als Widerstand betrachten. Butler fügte hinzu, dass dies die Idee vermittle, dass Migration, Demokratie und offene Grenzen eine Art Zensur seien. Es klänge, als ob diejenigen, die die Demokratie fördern, die anderen zum Schweigen gebracht hätten. Die, die Gleichheit gebracht haben, seien also die Tyrannen, schlussfolgerte sie ironisch.

Diese Diskussion streifte auch die andere Seite des politischen Spektrums. In der linken, feministischen und queeren Szene hat der Sammelband „Beißreflexe” der Polittunte Patsy L’amour Lalove vor einigen Monaten heftige Debatten ausgelöst, ging es den AutorInnen der Texte doch gerade um die Tendenz von „Sprechverboten” und „autoritären Sehnsüchten” innerhalb der queeren Szene, die bei vielen Aktiven Furcht auslöse, gewisse Sachen auszusprechen. Eigentlich hätte der Titel der Veranstaltungsreihe „Fearless Speech” – sowie der Umstand, dass Hark und Butler damals eine heftige und umstrittene Kritik an besagtem Sammelband veröffentlichten – einen glauben lassen können, dass dies dann auch eines der zentralen Themen des Abends wäre. Jedoch blieb es am Ende nur bei der pauschalen Feststellung, dass es innerhalb linker Bewegungen Fraktionen und Auseinandersetzungen gäbe, und dass es Raum für Konflikte und Konfrontationen geben müsse. Wie kann denn nun angesichts einer gespaltenen Linken eine erfolgreiche Mobilisierung aussehen, ohne dass dabei grundlegende und wichtige Unterschiede negiert würden? Was unterscheidet denn einen lähmenden Konflikt von einem belebenden Antagonismus? Wirkliche Überlegungen zu diesen Fragen suchte man an dem Abend leider vergeblich.

Jeff Mannes




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