Interview mit Tessa Ganserer

Erste trans Frau im Landtag: „Angst vor Anfeindungen auch in der Politik“

Tessa Ganserer von den bayrischen Grünen führt als erste Landstagsabgeordnete ihre Transition offen während ihrer Amtszeit durch. Mit SIEGESSÄULE sprach sie über ihre bisherigen Erfahrungen

11.04.19 – Frau Ganserer: Anfang des Jahres, kurz nach ihrem öffentlichen Coming-Out, haben Sie eine Pressekonferenz gegeben. Im Anschluss haben Sie gesagt, Sie wären froh gewesen, wenn nicht so viele Leute erschienen wären. Ja ... das ist für eine Politikerin natürlich eine ungewöhnliche Aussage. Für meine inhaltliche Arbeit würde ich mir eine solche Resonanz wünschen. Ein so großes Interesse, auch von ausländischen Medien, ist für eine Landtagsabgeordnete nicht alltäglich. Mir war außerdem vorher klar, dass mein Coming-Out ein breites Medienecho erzeugen wird, es hat mich nicht überrascht. Aber einfach fand ich es trotzdem nicht. Wenn man gerade anfängt, sein eigenes, wahres Geschlecht zum Ausdruck zu bringen, kann das ohnehin eine emotional anstrengende Phase sein. Dann von den Medien nahezu täglich darum gebeten zu werden, persönliche Geschichten zu erzählen, ist nicht leicht. Deswegen hatten wir uns auch entschlossen, überhaupt zu dieser Pressekonferenz einzuladen: weil die Medienanfragen unendlich waren. Und wir wollten einer Berichterstattung im Boulevard-Stil vorbeugen, indem es auf der Konferenz nicht vorrangig um meine Person, sondern um inhaltliche Positionen gehen sollte.

Sie haben auch gesagt, sie würden sich wünschen, dass ein Coming-Out wie das ihre nicht mehr so einen Nachrichtenwert hätte. Genau das hat mir mein Coming-Out ja so schwer gemacht und zu einem Leiden über viele Jahre hinweg geführt. Ich hatte Sorge, dass Anfeindungen auch in der Politik nicht ausbleiben. Das kennen wohl viele queere Menschen: man weiß nicht, wie das Umfeld reagieren wird. Und dann dieser wahnsinnige Medienrummel um meine Person, die Angst, dass man das vielleicht gar nicht durchsteht ... Ich bin die erste Landtagsabgeordnete in Deutschland, die ihre Transition in ihrer aktiven Amtszeit durchführt. Entsprechend war mir bewusst, dass ich den Weg der Transition unter öffentlicher Beobachtung werde gehen müssen. Aber natürlich wäre es wünschenswert, wenn es keine Besonderheit mehr wäre, dass Menschen ihr Geschlecht zum Ausdruck bringen.

Hat sich die Angst vor Anfeindungen denn bestätigt? Keine Kolleg*in hat sich mir gegenüber persönlich abwertend verhalten. Im Gegenteil: aus fast allen Fraktionen kamen Kolleginnen und Kollegen auf mich zu, haben mir Mut zugesprochen und deutlich gemacht, dass sie hinter mir stehen. Aber die Anfeindungen über soziale Medien und was da an Briefen und E-mails reingekommen ist – das war nicht schön. Es gab auch Posts von Vertreter*innen der AfD, die ich hier jetzt lieber nicht wiederholen möchte. Das traurige dabei finde ich, dass das nicht nur Angriffe auf mich als Person waren, sondern dass die Hetze gegenüber Minderheiten in der AfD System haben.

Zugleich bezieht die AfD sich ja auf LGBTI in ihren eigenen Parteireihen... Diese Partei versteht es geschickt, in einzelnen Filterblasen unterschiedliche Signale zu setzen. In der LGBTI-Community werben sie, indem sie sich offen für LGBTI zeigen und dort auch versuchen, ihre völkische und rassistische Propaganda durch zu bringen. Gleichzeitig hetzen sie in traditionell eher konservativen Filterblasen unverblümt gegen sexuelle Minderheiten. Das muss man demaskieren.

Können Sie die große mediale Aufmerksamkeit ihrer Person gegenüber denn jetzt auch positiv nutzen, um Aufklärung voranzutreiben? Einerseits ja. Andererseits begann, als der erste Rummel vorbei war, gleich wieder das Alltagsgeschäft. Das Interesse an meinem Coming-Out war riesig – über die zwei Anträge zu geschlechtlicher Vielfalt im öffentlichen Dienst, die ich Anfang Februar eingebracht habe, ist dann aber nicht mehr groß berichtet worden. Ich wollte, dass die Staatsregierung Auskunft darüber gibt, welche Anpassungen im öffentlichen Dienst geplant sind, um dem neuen dritten Personenstand „divers“ gerecht zu werden. Zum Beispiel müssen wir uns über Vorschriften für Dienstkleidung Gedanken machen, über eine geschlechtsneutrale Sprache bei behördlichen Anschreiben oder über das Personalvertretungsrecht ... Da sehe ich in vielen Bereichen Handlungsbedarf.

Welche politischen Baustellen beschäftigen Sie sonst noch derzeit? Neben dem veralteten und diskriminierenden „Transsexuellengesetz” (TSG) gilt es, auch das Abstammungsrecht zu reformieren, um Regenbogenfamilien rechtlich gleichzustellen. Darüber hinaus müssen Reparativtherapien (so genannte „Konversionstherapien“, Anm. d. Red.) endlich verboten werden. Dies sind aber bundespolitische Themen, die ich als Landespolitikerin nur begleitend bearbeiten kann. Als eine große Aufgabe in Bayern sehe ich, dass wir dringend einen Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt brauchen.

Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa werden die Rechte von Minderheiten leider wieder oft in Frage gestellt. Was erwarten Sie sich von der kommenden Europawahl? Nicht alle Mitgliedsstaaten sind so tolerant, wie sich die EU nach außen gerne gibt. Gerade in osteuropäischen Ländern sind Menschen auf Grund ihrer sexuellen Identität oder ihrer Geschlechtsidentität noch viel stärker von sozialer Ausgrenzung, Gewalt und Diskriminierung bedroht als in Deutschland. Zudem ist seit einigen Jahren in ganz Europa ein Erstarken des Rechtspopulismus zu beobachten. Die Europawahl wird richtungsweisend für die Stärkung der Rechte queerer Menschen.

Interview: Franziska Schulteß




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