Szene

„Quälgeist Berlin“ kämpft um seine Existenz

Gerade erst aus dem Stadtzentrum verdrängt, muss der BDSM-Verein Quälgeist Berlin e. V. nach dem Umzug seinen Betrieb nun wieder bis auf weiteres einstellen. Wir haben nach den Gründen gefragt

30.10.18 – Berlin ist schon lange kein leichtes Pflaster mehr für queere, sexpositive Räume. Nun muss auch die BDSM- und Fetischlocation Quälgeist ihren gesamten Veranstaltungsbetrieb bis auf weiteres einstellen. Grund: noch ausstehende Genehmigungen.

Dabei hat der Quälgeist gerade erst einen mühevollen Umzug hinter sich. Anfang des Jahres musste der seit 29 Jahren bestehende Veranstaltungsort am Mehringdamm schließen, da der Vermieter begann, das Gebäude für teure Eigentumswohnungen herzurichten und zu sanieren. „Damit war klar, dass wir dort zukünftig nicht mehr willkommen sein werden”, sagt Alexander Schmitt vom Vorstand des Quälgeist Berlin e. V.

Der Verein organisiert und hostet regelmäßig Events rund um Fetisch und verschiedene Spielarten des BDSM – neben vielen Veranstaltungen für schwule Männer etwa auch die queere BDSM-Spielpartyreihe Dungeons Deluxe. „Wir haben dann, relativ schnell zum Glück, in der Lankwitzer Straße 42/43 in Alt-Mariendorf die erste Etage angemietet,“ erzählt Alexander weiter. „Natürlich in der Annahme, dass wir dort unseren Betrieb fortführen können.”

Kaum wiedereröffnet, muss der Quälgeist sein Programm nun aber schon wieder auf Eis legen. Weitere Genehmigungen seien nötig: Das zuständige Stadtentwicklungsamt muss entscheiden, ob laut Bebauungsplan des Gebietes der Verein dort überhaupt Veranstaltungen anbieten darf. Außerdem müssen bautechnische und andere Auflagen erfüllt werden, unter anderem ist auch eine neue Ausschank-Lizenz erforderlich. Bis wann all diese Hürden genommen werden können, ist unklar.

Bürokratie und steigende Mieten sind Problem für viele

Hinzu kommt, dass Alt-Mariendorf eine wesentlich ungünstigere Lage ist als vorher der Mehringdamm. Das Viertel liegt außerhalb des S-Bahn-Rings, Laufkundschaft bleibt somit aus. „Die Mietpreise haben uns an den Stadtrand getrieben,” bedauert Alexander. Als nicht-kommerzieller Verein habe der Quälgeist sich eine zentralere Location nicht mehr leisten können.

Die Parallelen zwischen den Schwierigkeiten, mit denen der Quälgeist zu kämpfen hat, und den jüngsten Problemen des CDL, des Böse Buben oder des eher hetero dominierten BDSM-Clubs DarkSide sind nicht von der Hand zu weisen. Seit 2004 sind die durchschnittlichen Immobilienpreise in Berlin um 120% gestiegen. Und die Auflagen, die die Bau- oder Stadtplanungsämter, wie aktuell etwa auch beim Böse Buben, zur (zeitweisen) Weiterführung des Betriebs auferlegen, sind in solchen oft kleinen Räumlichkeiten gar nicht zu erfüllen – oder sie kosten so viel, dass sich ein Umbau finanziell nicht lohnen würde. 

In Zeiten knappen Wohnraums scheint es, als hofften die Ämter durch solche bürokratischen Hürden auch auf die Schließung von Gewerbeflächen. „Es fällt schon auf, dass wir mit diesem Problem nicht alleine sind,” bemerkt Alexander. Vielen Vermietenden falle es außerdem nach wie vor schwer, Räume an einen Fetischverein zu vergeben. „Unser Appell geht an die Stadtpolitik. Sie muss sich stärker dafür einsetzen, dass den Vereinen in Berlin Raum zur Verfügung gestellt wird. Da würde es auch helfen, wenn unser Vereinscharakter etwas mehr gewürdigt wird und wir nicht nur als reine Vergnügungsstätten eingestuft würden.”

„Berliner Kultur erhalten

So bietet der Quälgeist nämlich ehrenamtlich auch Beratung zu Safer Sex und Workshops zum sicheren Umgang mit BDSM an. Alexander betont: „Am wichtigsten ist, dass die Szene solidarisch mit uns und ähnlichen Clubs bleibt. Den Verantwortlichen in der Politik muss man deutlich machen, dass wir und unser Angebot gebraucht werden. Wir sind ein Stück Berliner Kultur.”

Erleichtert waren die Betreibende der Location, als sie nach dem Umzug feststellten, dass viele FreundInnen des Quälgeists ihnen auch bis an den Stadtrand folgten. Neue Ehrenamtliche, die beim Verein aushelfen wollen, seien nach wie vor gerne gesehen. Um den 30. Geburtstag des Vereins nächstes Jahr gemeinsam feiern und um weiter bestehen zu können, braucht es aber nicht nur die Solidarität der Szene, sondern auch die Kulanz der Politik und der Bauämter.

Jeff Mannes

quaelgeist.sm




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