Interview mit LesMigraS

Unsichere Zukunft! LGBTI-Geflüchtete erzählen

In „10 Porträts“ hat LesMigras autobiographische Geschichten von LGBTI-Geflüchteten versammelt. Wir sprachen mit Syrine Boukadida von der Beratungsstelle über das Projekt und die Probleme von Asylsuchenden

© LesMigraS

16.03.18 – In „10 Porträts“ gibt LesMigraS, der Antigewalt- und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung, LGBTI-Geflüchteten eine Plattform, die Geschichten ihrer Flucht nach Deutschland zu erzählen. Auf Englisch, Deutsch, Farsi, Arabisch und Russisch berichten die AutorInnen von der lebensbedrohlichen homo- und trans*phoben Gewalt, die sie in ihren Herkunftsländern erfahren haben, und fordern ihre Rechte als LGBTI-Asylsuchende ein. Die Texte strotzen vor Mut, Aktivismus und Durchhaltevermögen, aber auch vor massiver Enttäuschung darüber, was die deutsche Asylpolitik und ihre Verwaltung für LGBTI vermissen lassen. Die Publikation wird in einer Lesung im Aquarium am 23.03. (19:30) offiziell vorgestellt.

Syrine, LesMigraS unterstützt spezifisch LGBTI-Geflüchtete. Mit welchen Themen und Fragen kommen diese zu euch?
Wir begleiten sie in ihrem gesamten Prozess der Asylsuche. Sie wollen wissen, was sie in der Anhörung erwartet, was ihre Rechte sind, was sie tun sollen. Manchmal gehen wir zum BAMF mit ihnen oder helfen ihnen, wenn sie eine TherapeutIn, eine ÄrztIn oder eine Übersetzung für ein Dokument brauchen. Wir versuchen, eine Wohnung mit ihnen zu finden, sobald sie einen offiziellen Status haben. Manche wurden angegriffen, haben Gewalt erfahren und brauchen Beratung und Hilfe mit der Polizei, wohin wir sie begleiten.

Ihr habt in „10 Porträts“ autobiographische Erzählungen gesammelt. Am 23. März werdet ihr sie mit einer Lesung vorstellen. Was erwartet uns? Die Idee der Publikation war es, LGBTI-Geflüchteten einen Raum zu geben für ihre Geschichten. Wir wollten den Prozess der Flucht, des Lebens in Deutschland, ihre Schwierigkeiten beim Ankommen und ihre Wünsche für die Zukunft zeigen. Zu dem Event haben wir einige der AutorInnen eingeladen, dass sie für sich selbst sprechen können und Teile ihrer Geschichte vorlesen.

In den Porträts wird deutlich, dass die BeamtInnen und DolmetscherInnen im Asylverfahren nicht gerade für LGBTI-Themen sensibilisiert sind. Was sind eure Erfahrungen? Das stimmt. Nicht nur von den Menschen aus der Broschüre, auch von anderen Asylsuchenden haben wir gehört, dass sie sich bei der Anhörung in schrecklichen Situationen befanden, sie unangemessene Fragen zu ihrer geschlechtlichen Identität und Sexualität gestellt bekommen haben. Wir haben von vielen gehört, bei denen die ÜbersetzerInnen nicht korrekt übersetzt und die Aussagen kommentiert haben. Seit dem letzten Jahr gibt es aber auch immer mehr Bewusstsein beim BAMF, mehr Fortbildungen  und zwei LGBTI-SprecherInnen. Trotzdem bleibt es oft eine Frage des Glücks und auch des Zugangs zu Wissen und Unterstützung. Manche wissen nichts von ihrem Recht auf einen eine AnwältIn oder von den Beratungsstellen.

Viele der Interviewten leben oder haben in der LGBTI-Unterkunft in Berlin gelebt. Sie berichten davon, dass sie sich auch dort nicht wohl gefühlt haben. Für einige ist es ein guter Ort und ein besseres Heim als die anderen, wo sie Gewalt und Diskriminierung erfahren. Aber es bleibt eben ein Heim. Es gibt wenig Autonomie, man teilt ein Zimmer mit mindestens einer weiteren Person. Man muss überhaupt für eine lange Zeit einen Raum mit Menschen teilen, die man nicht kennt, und das in einer Phase von großer Unsicherheit und Warten. Dann sagen viele, die dort leben, dass einige Heterosexuelle so tun, als ob sie schwul wären, um einen Platz im Heim zu bekommen, einfach weil es schöner und sicherer ist. Ich persönlich kann das nicht beurteilen und auch die Heimleitung steht nicht vor der Tür und teilt ein in „du bist schwul, du bist nicht schwul“. Es bleibt eine schwierige Situation mit Konflikten auf vielen verschiedenen Ebenen.

Interview: Clara Woopen


Lesung „10 Porträts“
, 23.03., 19:00, Aquarium (Südblock)

Broschüre als PDF erhältlich auf lesmigras.de




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