Kommentar zum Transgender Day of Remembrance

Fehlende Zivilcourage hinterließ bei mir seelische Spuren

Am 20.11. wird den Opfern von Transphobie gedacht. Auch Michaela hat diesbezügliche Erfahrungen gemacht. In ihrem persönlichen Kommentar erzählt sie davon und was ihr der Transgender Day of Remembrance bedeutet

Michaela Dudley

19.11.17 – „Sind´se Männlein? Oder Weiblein?“, fragt der stirnrunzelnde Kerl in der U2. „Drei Mal dürfen Sie raten“, erwidere ich entnervt, in Plisseerock und Pumps dastehend. Bahnhof Zoo, unter Tage in der BVG. Selbst als eingefleischte Veganerin will ich vom Leder ziehen. Doch mit einem verlegenen Grinsen kommt der Mann auf die Füße, damit ich mich hinsetzen kann. „In Berlin jeht allet“, bemerkt er. Dann richtet er den Daumen nach oben. Da ich trans Frau und Person of Color bin, muss ich leider auch mit dem gestreckten Mittelfinger oder der geballten Faust rechnen.

Am 20 November ist der „Transgender Day of Remembrance“ (TFOR), auf Deutsch „Gedenktag für die Opfer von Transphobie“. Wenn ich daran denke, tanzt Rita Hester durch meinen Kopf. Rita war die afroamerikanische trans Frau und glamoröse Performerin, die im November vor 19 Jahren starb, und zu deren Ehren der TDOR damals ins Leben gerufen wurde. Für mich, gebürtig aus den USA stammend, war Rita eine Inspiration. Wir waren ähnlich alt, gewissermaßen ähnlich gefärbt. In Knabenjahren hatte ich mich heimlich als Mädchen geschminkt, als Ministrant und später als Marineoffizier habe ich es gleichsam vertuscht. Noch zum Abschluss meines Jurastudiums Ende der 1980er Jahre galt trans Sexualität in vielen Bundesstaaten der USA als Krankheit. Doch Rita ließ sich dadurch nicht beirren. In den Bostoner Kabaretts beherrschte die Diva die Bühne – bis sie 1998 erstochen wurde, mutmaßlich als Opfer transphober Gewalt.

Es rührt mich, dass der TDOR auch in Deutschland, meiner langjährigen Wahlheimat, ernst genommen wird. Als Autorin, Dozentin, Künstlerin und Tango-Tänzerin bin ich auf diversen Bühnen unterwegs und stoße häufig auf Resonanz. Ich empfange bisweilen Rosen, aber der Dornenpfad ist mir auch bekannt.

Neulich in Köln, und zwar zwei Tage nach dem dortigen CSD, wurde ich auf belebter Straße von vier transphoben Jugendlichen begrapscht, beschimpft und beklaut. Als Halbmarathonläuferin, obwohl nun im Business-Lady-Look, ließ ich es nicht auf mir sitzen. Brüllend setzte ich ihnen nach. Rennerei, Rauferei, Rennerei. Kein Passant half mir. Ein Wirt warf mir sogar vor, mit meinem Aussehen den Überfall provoziert zu haben. Den zunehmend keuchenden Jungs blieb ich auf den Fersen, verbissen und verzweifelt. Erst nach einer Viertelstunde Verfolgung alarmierte jemand die Polizei. Kurz danach kreuzte ein Streifwagen auf, alle vier wurden festgenommen. Ich erstattete Anzeige, das Verfahren läuft noch.

Von der Polizei wurde ich übrigens lobenswert behandelt. Handtasche und Handy waren intakt. Die Prellungen konnte ich wegstecken. Doch die fehlende Zivilcourage hinterließ bei mir seelische Spuren. So verurteile ich die tatenlosen Gaffer ähnlich scharf wie die tatverdächtigen Grapscher und Gauner. Indifferenz und Intoleranz schaden der gesamten Gesellschaft und lassen Solidarität zum Stoff von Sonntagsreden verkommen.

Wir sollten also weiterhin wachsam, aber auch stets stolz sein. Denn wir sind wichtige Farben des Regenbogens und sollten uns niemals verstecken müssen.

Michaela Dudley

Die Berlinerin Michaela Dudley ist Autorin, Übersetzerin und amerikanische Doktorin der Jurisprudenz. Sie verfasste das Buch „Tango hautnah – In der Wiege der Sinne“ und referiert europaweit über die sexuelle Rollenverteilung im Tango. Zudem ist sie Komponistin für Jazz und Tango.




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