Kommentar

Subtil homophob? Die AG Schwule Lehrer zur Empörung um eine LGBTI-Studie des Senats

Martin Helbig von der AG Schwule Lehrer der GEW Berlin kommentiert die Vorwürfe, dass eine vom rot-rot-grünen Senat beauftragte Studie zum Thema Vielfalt an Berliner Schulen „Sex-Schnüffelei“ betreibe

Martin Helbig

22.09.17 – In den letzten Tagen hatte die  „Studie zur aktuellen Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Jugendlichen in Berlin unter Berücksichtigung verschiedener Dimensionen der Mehrfachdiskriminierung: eine Befragung von pädagogischen Fachkräften“ für mediale Aufregung gesorgt. Berliner Zeitungen und PolitikerInnen hatten sich u. a. darüber echauffiert, dass der Senat eine Studie in Auftrag gegeben habe, in der nach der sexuellen Orientierung von LehrerInnen gefragt wird. Martin Helbig von der AG Schwule Lehrer der GEW Berlin kommentiert:

Datenschutz ist ein sensibles Thema und da sollte stets genau hingesehen werden. Mit der freiwilligen und anonymen Berliner Schulstudie zur Lebenssituation von LGBTI-Schüler*innen gibt es allerdings kein Datenschutzprobem. Das ist inzwischen klar. Geprüft von der Berliner Datenschutzbeauftragen. In höchstem Maße ist die Arbeitsweise der Wissenschaftler*innen Prof. Dr. Meike Watzlawik und Dr. Ulrich Klocke transparent und entspricht üblichen wissenschaftlichen Standards. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, ihr Vorgehen in Zweifel zu ziehen.

Was steckt also hinter dem „Skandal“? Offensichtlich ist, dass es gar nicht um den Datenschutz geht, sondern der Inhalt der Studie den Anlass lieferte, mit dem Tagesspiegel-Kolumnist Martenstein und anscheinend ein Teil der Gesellschaft immer noch ein Problem haben. Dies zeigen die Überschriften in den Tageszeitungen, die die Studie, in der es gar nicht um Sexualität geht, stark sexualisieren. Von Betten- und Sex-Schnüffelei (Bild, B.Z.) war da zu lesen. So als wäre die anonym und freiwillig gegebene Information, ob jemand schwul, lesbisch, bi oder hetero ist, gleichzusetzen mit der direkten Frage einer eigenen Vorgesetzten nach sexuellen Vorlieben oder Praktiken im Personalgespräch. Ganz nebenbei sendet der Auslöser der Kampagne ein falsches Signal: Unter dem Vorwand des Schutzes der Privatsphäre wird suggeriert, dass gerade die Information, ob eine Person lesbisch, schwul oder bi ist, eine ganz besonders sensible ist und am besten verheimlicht werden sollte. Fazit: Lesbische, schwule und bisexuelle Lehrer*innen bleibt im Schrank, euer Arbeitgeber darf das nicht wissen. Keine gute Botschaft in Zeiten der „Ehe für alle“!

Die laufende Studie ist die erste, die die konkrete Situation von LSBTI-Jugendlichen in der Schule untersucht und Lehrkräfte dazu befragt. Endlich wird es aussagekräftige Daten dazu geben, wie es Jugendlichen vor, im oder nach ihrem Coming-out an dem Ort ergeht, an dem sie den größten Teil ihrer Zeit verbringen. Seit fast vierzig Jahren hat die AG Schwule Lehrer der GEW dafür gekämpft, dass Schule zu einem Ort wird, an dem sich alle Schüler*innen wohlfühlen können und sicher sind vor Diskriminierung, auch LGBTI-Schüler*innen. Seit wenigen Jahren ist die Senatsbildungsverwaltung bereit dieses anzuerkennen und wird aktiv.

Die Lehrkräfte, die an der Untersuchung teilnahmen, wurden von den WissenschaftlerInnen persönlich mit der Studie vertraut gemacht und es wurde ihnen deutlich kommuniziert, dass alle Daten anonymisiert, personenbezogene Daten nicht weitergegeben werden und die Teilnahme freiwillig ist und jederzeit auch während der Befragung abgebrochen werden kann. Doch diese Fakten sind nebensächlich, wenn das Ziel der Studie, nämlich Strategien herauszuarbeiten, die die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der Schule fördern, diesen Personen ein Dorn im Auge ist.

Noch im Mai diesen Jahres hat Dr. Ulrich Klocke in einem Interview im Deutschlandfunk Nova verdeutlicht, dass Homophobie heute oft nicht mehr offen geschieht, sondern viel subtiler ist. Genau das erkennen aufmerksame BeobachterInnen im Vorgehen der GegnerInnen bei dieser Studie. Würde eine Frau Bentele, bildungspolitische Sprecherin der CDU Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, die als einzige Partei seit dieser Legislatur keine Queerpolitische SprecherIn mehr hat, direkt fordern, dass LGBTI-Themen in der Schule keine Rolle spielen sollen, würde sie selbst bei Teilen ihrer eigenen Partei auf Gegenwind stoßen. Somit wird ein lächerlicher Schein-Anlass genutzt, um ihre homophobe Klientel zu bedienen.

Wie absurd der Vorwurf an die Landesregierung ist, sie würde wissen wollen, welche Lehrkräfte nicht heterosexuell sind, wird durch die 2010 in Kraft getretene ISV (Initiative Sexuelle Vielfalt) deutlich, mit der Berlin das erste Bundesland war, das LGBTI-Lehrkräften Unterstützung zusichert, wenn diese wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Die Erfolge der letzten Jahre in Bezug auf die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sind fragil, was der Auseinandersetzungen mit dieser Studie wieder einmal zeigen. Nur wenn alle politischen und gesellschaftlichen AkteurInnen in diesem Punkt an einem Strang ziehen, kann sichergestellt werden, dass die Akzeptanzschraube nicht zurückgedreht wird.

Martin Helbig

schwulelehrer.de




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