Interview zur neuen Staffel

„Transparent“-ErfinderIn Jill Soloway: „Leute sagen mir, dass sie durch die Serie ihr Trans-Coming-out hatten“

Letzte Woche wurde die neue Staffel der Serie „Transparent“ um trans Frau Maura veröffentlicht. Lawrence Ferber sprach mit Serien-Boss Jill Soloway u. a. über neue queere Figuren und die Wirkung der Serie

Jill Soloway (li.) am Set mit Jeffrey Tambor © amazon

26.09.17 – Seit Freitag ist die vierte Staffel von „Transparent“ bei Amazon Prime verfügbar. Auch die Zukunft der mit dem Emmy und dem Golden Globe ausgezeichneten Serie über eine trans Frau (Jeffrey Tambor), die erst spät im Leben ihre Geschlechtsangleichung begann, ist schon gesichert: Bereits vor einem Monat hat die Pre-Produktion der fünften Staffel begonnen.

In den neuen Folgen reist der jüdisch-amerikanische Pfefferman-Clan nach Israel, und auf Maura, ihre Ex-Frau Shelly (Judith Light) und ihre Kinder Sarah (Amy Landecker), Josh (Jay Duplass) und Ali (Gaby Hoffmann) warten weitere Entdeckungen über ihre Familiengeschichte, ihre Beziehungen und Identitäten – unter anderem beginnen Sarah und ihr Ex-Mann Len eine Dreierbeziehung mit Lila (gespielt von der bisexuellen Schauspielerin Alia Shawkat). SerienschöpferIn, RegisseurIn und DrehbuchautorIn Jill Soloway, deren Vater sich in den Siebzigern als trans outete, hat durch die Serie selbst eine Entwicklung durchlaufen und identifiziert sich inzwischen als „gender non-binary”. Im Telefoninterview sprach SIEGESSÄULE-Autor Lawrence Ferber mit Soloway über Staffel 4.

Was wird in Staffel 4 anders als in der letzten Staffel?
Jill Soloway:
Wir haben gemerkt, wie gerne wir die Pfefferman-Familie zusammen agieren sehen. Normalerweise beginnt man in einer Serie, den Leuten Liebesgeschichten zu geben und neue Charaktere zu schaffen. Ali verknallte sich in die Lesbe Syd, Josh liebte Rabbi Raquel, und Sarah stand zwischen Tammy und Len. In dieser Staffel aber wollten wir die Comedy und die Liebe innerhalb der Familie zeigen.

Um welche Themen wird es gehen? Nun, die Familie fliegt nach Israel, und wir wollten das so erzählen, dass die Reise für jedes Mitglied eine andere Bedeutung hat. Ein großer Teil ist so eine Art „Jesus Christ Superstar“-Rockoper, Kindheitserinnerungen oder wie man es sich halt vorgestellt hat, in Jesus’ Zeit zu leben, einen „Messias-Komplex“ entwickeln – solche Stories sind witzig. Aber wir wollen auch die echten Geschichten erzählen, die zurzeit in der Welt passieren. Für queere Menschen, trans Menschen. Über Identität und Intersektionalität. Das Problem, zwischen deiner Queerness oder Trans-Identität und deiner jüdischen Identität wählen zu müssen – wenn du dich entscheiden musst, es aber nicht kannst.

Wurde der Cast bei den Dreharbeiten in Israel erkannt? Wir waren gar nicht in Israel, sondern haben in Los Angeles gedreht. Wir haben nur ein paar Einstellungen vor Ort gefilmt, aber die Schauspieler waren nicht dort. Wir hatten ein Fake-Totes Meer in den Universal Studios und eine Fake-Klagemauer bei Paramount.

Gibt es neue nicht-binäre oder trans* Charaktere? Ja, es wird um Alis Beziehung mit der eigenen Geschlechtsidentität gehen. Wir erzählen Davinas Geschichte. Und in Mauras Welt gibt es noch weitere trans Schauspieler und -charaktere.

Wurden auch schon mal Ideen verworfen, weil sie zu verrückt waren? Ja, als Ali auf dem Frauenmusikfestival in Staffel 2 halluziniert, wie Tante Gittel (ein trans Charakter am Hirschfeld-Sexual-Institut im Berlin der 30er Jahre) den Nazis begegnet, gab es die Überlegung, daraus eine Musiknummer mit Singen und Tanzen zu machen. Ich bin froh, dass wir das rausgeworfen haben, weil wir so etwas nicht unbedingt mit dem Holocaust verbinden sollten.

Es war zu hören, dass es in Staffel 5 einen neue Person geben wird, die hauptverantwortlich für die Serie ist. Können Sie dazu etwas sagen? Ich habe die Serie erfunden, aber schon seit Staffel 2 waren Jill Gordon und Bridget Bedard Showrunnerinnen. Ich verlasse die Serie nicht, ich arbeite nicht weniger. Ich führe häufig Regie, ich schreibe viel Drehbücher. Dass ich mich zurückziehe und jemand anders übernimmt, ist eine Falschmeldung. Jill Soloway zieht sich nicht zurück!

Was ist die überraschendste Reaktion, die Sie für „Transparent“bekommen haben? Gute Frage. Am schockierendsten finde ich es, wenn mir Leute sagen, dass sie durch die Serie ihr Trans-Coming-out hatten. Zuvor trauten sie sich nicht, aber durch „Transparent“ wurde ihnen klar, dass sie als trans akzeptiert werden können. Sie sagen ihren Familien, dass sie sich die Serie ansehen sollen, und rufen danach an, um sich bei ihnen zu outen. Eine Serie, in der die Trans-Person einfach dazugehört, normalisiert das Thema wirklich und zeigt, dass man durch ein Coming-out nicht seine Familie verlieren muss. Das ist ein riesiger Effekt der Serie, den ich wirklich nicht erwartet habe.

Wissen Sie schon, wie die Serie für Maura ausgehen wird? Nein. Aber alle Familienmitglieder müssen ein wenig unglücklich bleiben, damit wir mehr Stories haben. Das gilt auch für Maura: Frustriert bleiben, weitersuchen, weiterträumen und versuchen, die Person zu werden, die man wirklich ist.

Interview: Lawrence Ferber




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