Religion und Sexualität

Der Liberal Islamische Bund: „Wir leben die Vereinbarkeit von Homosexualität und islamischem Glauben“

Einem konservativen Islamverständnis die Stirn bieten! SIEGESSÄULE befragte LIB zu liberalen Strömungen im Islam und der Sichtbarkeit von Muslimen und Musliminnen in der queeren Community

Nushin Atmaca

01.06.17 – Der u. a. in Berlin ansässige Liberal-Islamische Bund sieht sich als Repräsentant muslimischer Bürger und Bürgerinnen, die ein progressives, liberales Islamverständnis vertreten. Dabei engagiert er sich auch für die Rechte von LGBTIs und unterstützt zusammen mit der Evangelischen Kirche, dem Jüdischen Forum und anderen eine neue Kampagne des Bündnisses gegen Homophobie: Seit letzter Woche wird im Berliner Stadtgebiet mit Plakatmotiven und dem Slogan „Traut euch! Traut uns!" für die gleichberechtigte Anerkennung homosexueller Paare geworben. Wir haben mit Nushin Atmaca, erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, per Mail ein Interview geführt, um sie u. a. zu der Kampagne, dem Aufbau der Berliner Gemeinde und liberalen islamischen Strömungen in Deutschland zu befragen.

Aus welchen Beweggründen heraus hat sich der Liberal-Islamische Bund gegründet? Und was bedeutet liberal in diesem Zusammenhang für euch? Der Liberal-Islamische Bund (LIB) wurde 2010 als erste progressive muslimische Vereinigung gegründet, um liberalen Muslim*innen sowohl eine spirituelle Heimat zu bieten als auch ihnen eine Stimme in der gesellschaftspolitischen Debatte um „Islam und Muslime" zu verleihen. Liberale Gläubigkeit bedeutet für uns, dass wir die Eigenverantwortung des Individuums vor Gott betonen und die Freiheit, die jedem Menschen in der Gestaltung und Ausübung seines Glaubens zukommt. Dabei verfallen wir nicht in Beliebigkeit, sondern lehnen uns an Konzepte und Gedanken an, die vergangene und gegenwärtige Reformtheolog*innen entwickelt haben und entwickeln. Konkret gehört dazu beispielsweise eine feministische Lesart des Korans, gendergerechte Gebete mit Vorbeterinnen und das explizite Willkommenheißen von LGBTI-Muslim*innen in unseren Gemeinden. Bundesweit haben wir 250 bis 300 Mitglieder und unterhalten fünf Gemeinden. Eine davon befindet sich in Berlin.

Inwieweit sind LGBTIs in der LIB organisiert und vertreten? Viele unserer schwulen, lesbischen oder trans*-Mitglieder sind froh, auf uns gestoßen zu sein, weil sie beim LIB und in unseren Gemeinden in kein menschlich konstruiertes Dilemma zwischen ihrem Glauben und ihrer Sexualität geraten. Genau wie alle anderen Mitglieder sind sie aktiv involviert in die Gemeinde- und Vereinsarbeit.

2014 wurde die Berliner Gemeinde des LIB aufgebaut. Wie viele Personen umfasst sie mittlerweile? Zu den Gemeindetreffen der Berliner*innen kommen inzwischen 20 bis 25 Menschen. Jeden Monat erhalten wir Anfragen von Menschen, die uns kennenlernen möchten, die aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Suche nach einer muslimischen Gemeinde wie uns sind. Wir scheinen also einen Nerv zu treffen! Der „harte Kern" unserer Gemeinde umfasst ca. 10 Personen, die sich sowohl um die Organisation des Gemeindelebens als auch um die Repräsentanz der Gemeinde und damit des LIB nach außen kümmern, beispielsweise im Bündnis gegen Homophobie. Aber auch auf Kiezebene sind wir vernetzt und unter anderem im Zentrum für interreligiösen Dialog in Moabit aktiv. Dort und von unserer christlichen Partnergemeinde, der REFO Moabit, in deren Räumen unsere Treffen stattfinden, wurde unsere Gemeinde sehr gut angenommen.

War es ein Problem, eine liberal orientierte islamische Gemeinde aufzubauen? Gab es dagegen auch Widerstände? Bislang sind wir als Gemeinde auf wenig Widerstände gestoßen, sondern oft willkommen geheißen worden. Allerdings sind wir immer noch in der Aufbauphase – wir haben beispielsweise noch keine eigenen Räumlichkeiten. Unser mitttelfristiges Ziel ist aber genau das, um so sicht- und erreichbarer zu sein.

Der Liberal-Islamische Bund unterstützt die Kampagne „Traut euch! Traut uns!“ für die gleichberechtigte Anerkennung von homosexuellen Paaren. Warum setzt ihr euch für die Ehe für alle ein? Wir setzen uns für die Ehe für alle ein, weil aus unser Sicht die Nichtöffnung der Ehe für homosexuelle Paare weder theologisch noch politisch oder juristisch haltbar ist. Basierend auf dem koranischen Text begründen wir unsere Haltung damit, dass aus islamisch-theologischer Sicht die Grundlage für eine Partnerschaft Liebe sowie eine Beziehung auf Augenhöhe ist – unabhängig vom Geschlecht der Partner*innen. Daher unterstützt der LIB Paare unabhängig von der sexuellen Orientierung der Partner*innen bei der religiösen Eheschließung, sofern es sich um eine Partnerschaft handelt, in der sich die Beteiligten als Subjekte und im Bewusstsein ihrer Rechte und Pflichten gegenüber einander begegnen und mindestens eine Person geschlechterunabhängig muslimisch ist.

Religion und hier vor allem der Islam wird von vielen als Ursache von Homophobie gesehen. In einigen Ländern werden Menschen im Namen der Scharia aufgrund ihrer sexuellen Orientierung gefoltert oder ermordet. Sind also Homosexualität und Islam überhaupt vereinbar? Und wenn ja, welche Strategien können eurer Auffassung und Erfahrung erfolgreich sein, um hier bestehende Gräben zu überwinden? Im LIB und seinen Gemeinden leben wir die Vereinbarkeit von Homosexualität und islamischem Glauben. Die Antwort lautet also: Doch, Islam und Homosexualiät sind vereinbar. Allerdings dominiert – sowohl unter Muslim*innen als auch unter Nicht-Muslim*innen – leider die gegenteilige Auffassung. Um dem entgegenzuwirken ist allein unsere Existenz ein wichtiges Zeichen: Wir zeigen, dass es als muslimische Gemeinde möglich ist, einen inklusiven Ansatz zu praktizieren und eine progressive Lesart der religiösen Schriften zu betonen. Wir werben für eine Akzeptanz dieser Lesart auch unter traditionellen Muslim*innen, um so zu einer Auslegung zu gelangen, die nicht diskriminierend ist – weder in Bezug auf Frauen, noch auf Homosexuelle und trans*Personen oder Andersgläubige.

Im Moment erleben wir zum Beispiel in der Türkei das Erstarken eines konservativen Islams. Im Juni wird hingegen die Frauenrechtlerin Seyran Ateş trotz einiger Widerstände in Berlin eine liberale Gemeinde eröffnen. Gibt es also so etwas wie eine liberale Gegenbewegung bzw. ein starkes Bedürfnis nach einem liberalen Islam? Oder sind solche Ereignisse eurer Wahrnehmung nach eher kleine „Strohfeuer“ bzw. singuläre Phänomene? Solche Ereignisse sind keine singulären Phänomene, denn weltweit gibt es progressive Muslim*innen, einzeln oder organisiert, die sich für eine liberale Lesart ihrer Religion starkmachen. Wir sind beispielsweise vernetzt mit der Inclusive Mosque Initiative in London, dem Imam Ludovic-Mohamed Zahed in Frankreich, den Muslims for Progressive Values in den USA, dem Imam Muhsin Hendricks – der sich als erster Imam geoutet hat – in Südafrika. Dennoch stimmt es, dass der konservative Islam heutzutage recht erfolgreich die Deutungshoheit für sich beansprucht. Diesen Anspruch stellen wir infrage. Dabei versteht sich der LIB nicht so sehr als Gegenbewegung, sondern als selbstverständlicher Teil des islamischen Spektrums. Denn ebenso wie konservative und traditionelle knüpfen auch liberale und progressive Muslim*innen an Denktraditionen der islamischen Geistesgeschichte an, beleben diese und entwickeln sie fort.

Was ist der Grund dafür, dass es gegenüber konservativen Verbänden wie der DITIB keine vergleichbar starken liberalen islamischen Strukturen in Deutschland gibt? Konservative Verbände und die entsprechenden Moscheevereine existierten meist schon lange vor der Gründung des LIB. Hinzu kommt – und das ist ein wichtiger struktureller Grund –, dass wir uns ausschließlich über unsere Mitglieds- und Förderbeiträge sowie Spenden aus dem Inland finanzieren. Unser finanzieller Spielraum ist daher viel geringer als der größerer Verbände; wir arbeiten alle ehrenamtlich für den LIB. Letztlich muss man auch konstatieren, dass, obwohl wir mit unserer Herangehensweise und Auffassungen näher an den Lebenswelten vieler Muslim*innen in diesem Land sind als die traditionellen Verbände, in Bezug auf die Selbstverständlichkeit einer progressiven Lesart des lslams noch einiges zu tun ist. Auch das trägt dazu bei, dass es bislang keine vergleichbar starken liberalen islamischen Strukturen in Deutschland gibt.

Schwul-lesbische, queere Menschen mit islamischem Glauben sind in der Community kaum sichtbar. Was könnt ihr konkret dagegen tun? Gibt es Überlegungen auch bei großen Veranstaltungen wie dem CSD präsent zu sein? Gemeinsam mit dem Bundes-LSVD und der Türkischen Gemeinde in Deutschland hat der LIB am 17.5.17, dem Internationalen Tag gegen Homophobie, eine Postkartenkampagne gestartet, mit der wir uns gemeinsam gegen die Diskriminierung von Minderheiten wenden. Und mit der wir zeigen möchten, dass es nicht nur „eindimensionale" Identitäten gibt, sondern dass es auch schwule Muslime, lesbische Türkinnen, türkische Muslim*innen und muslimische, türkische Menschen in der LGBTI-Community gibt. Unsere Berliner Gemeinde ist Mitglied im Bündnis gegen Homophobie und hier gibt es auch die Überlegung, bei größeren Veranstaltungen wie dem CSD oder dem lesbisch-schwulen Stadtfest präsent zu sein.

Interview: Andreas Scholz


Eines der beiden Plakatmotive der Kampagne: Zu sehen ist ein lesbisches Paar mit verschiedenen VertreterInnen von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften