Reportage

Klingen LGBTI „anders“? Wie Stimme und queere Identität zusammenhängen

Gibt es typisch lesbische oder schwule Stimmen? Wir gehen der Frage nach, wie unsere Art zu sprechen unsere Identität bestimmt

© Arno / arno-image.com

28.03.18 – Viele queeren Menschen kennen das: Sie werden am Telefon hin und wieder vom Gegenüber mit dem falschen Pronomen angesprochen. Woran könnte das liegen? Klingen LGBTI etwa „anders“? Vor allem für trans* Personen spielt die Stimme im Kontext ihrer Identität eine zentrale Rolle. Während trans Männer mittels Testosteron zumindest einen Stimmbruch herbeiführen können, leiden trans Frauen oft darunter, dass sie weit weniger Möglichkeiten haben, ihre tiefere, „maskuline“ Stimme loszuwerden. Doch auch für schwule und lesbische cis Personen ist Stimme, was die Identität betrifft, ein nicht unerheblicher Faktor. Während vielen Lesben nachgesagt wird, laut und „taff“ zu sprechen, um in der patriarchalen Heteromatrix gehört zu werden, leiden einige schwule Männer unter ihren zu weichen, als „tuntig“ empfundenen Stimmen, die sie als Schwule kennzeichnen, auch wenn sie das vielleicht gerade nicht wollen. SIEGESSÄULE-Autorin Naomi Noa Donath geht der Frage nach, wie unsere Art zu sprechen unsere (queere) Identität bestimmt

Ben (Name geändert) hatte sich gerade als trans* geoutet und suchte nach Unterstützung bei einer Psychiaterin. Sie entgegnete ihm: „Was? Sie wollen ein Mann sein? Hören Sie sich doch mal reden.“ Daraufhin verstummte er, wie er SIEGESSÄULE berichtet, igelte sich in seiner Wohnung ein und sprach mehr als ein Jahr lang nur das Nötigste mit anderen Menschen. Auch später, nachdem er schon mehrere Jahre Testosteron genommen hatte, wurde er am Telefon häufig als „Frau“ angesprochen. Ben erlebte das Misgendern als gewaltvoll und entdeckte: Nur, wenn er schlecht drauf war und am Telefon unfreundlich reagierte, wurde er als „Herr“ betitelt.

Gibt es typisch schwule oder lesbische Stimmen?


Stimme ist etwas Intimes. Sie kann die Persönlichkeit ausdrücken und übermitteln, in welcher Stimmung der oder die Sprechende gerade ist. Und sie wird als Merkmal genutzt, um das vermeintliche Geschlecht zuzuschreiben. Dabei machen Menschen, deren sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität oder Geschlechtsausdruck von der cis heterosexuellen Norm abweichen, häufig diskriminierende Erfahrungen. So wie Ben. Doch wann ist Stimme männlich, wann weiblich, wann androgyn? Gibt es so etwas wie typisch schwule oder lesbische Stimmen? Wie offen gehen queere Menschen mit ihrer Stimme um, und welche Strategien entwickeln sie, um Diskriminierung zu entgehen?

Marian Hudek ist Stimmtherapeut und betreibt eine logopädische Praxis in Friedenau. „Dass trans Männer, die seit Jahren Hormone nehmen, am Telefon als ‚Frau‘ angesprochen werden, liegt möglicherweise an ihrer empathischen Art zu kommunizieren“, sagt er. 2004 bekam Marian seine erste Testosteronspritze. Schon nach zwei Wochen setzte der Stimmbruch bei ihm ein, seine Stimmlippen verdickten sich immer mehr, seine Stimme wurde tiefer. „Das hörte sich anfangs kränklich an, als hätte ich gesoffen“, erzählt Marian schmunzelnd. „Ich wurde oft gefragt, ob ich erkältet sei.“ Nach vier Monaten hatte er eine Stimme, von der er immer geträumt hatte: tief, fest und voluminös. „Eine männliche Stimme!“

Viele binäre trans* Männer erleben den Stimmbruch als euphorisierend und befreiend. Als Erfüllung ihres Traums – die äußeren Merkmale passen nun zum inneren Empfinden. Ihre eindeutigere Stimme schützt sie häufig vor Diskriminierung, der Menschen ausgesetzt sind, die geschlechtlich uneindeutig wirken.

Sprechen Frauen sanfter als Männer?


Aber wie genau unterscheiden sich denn nun „männliche“ und „weibliche“ Stimmen? Marian erklärt: „Das Klischee ist: cis Frauen sprechen sanfter und heller als Männer. Sie artikulieren feiner. Sie geben ihren Sätzen eine Melodie. Sie betonen melodisch über die Stimmhöhe und ziehen die Vokale länger. Am Ende des Satzes bleiben sie oft mit der Melodie oben, sodass ihre Gedanken Raum für Gesprächsbeteiligung oder Interventionen lassen. Bei cis Männern ist das Klischee: sie sind wortkarger, sprechen monotoner, oft mit weniger Sprechmelodie, und gehen mit der Melodie am Ende des Satzes runter, sodass ihre Aussagen festgelegte Statements sind. Sie betonen über die Lautstärke.“

Stimme ist ein wesentliches Merkmal der Identität, und für viele trans* Personen ist es notwendig, ihren Körper an diese Identität anzupassen. Gerade bei der Stimme ist das jedoch nicht immer möglich. Trans* Männern hilft das Testosteron, aber Marian erläutert: „Allein durch Hormone bekommen sie nicht immer eine vollkommene männliche Stimme, das hat meist mit den alten Sprechgewohnheiten zu tun. Nach dem Stimmbruch ist es wichtig, die Stimme so zu trainieren, dass sich der Kehlkopf etwas senkt, um eine größere Stimmresonanz zu bekommen.“

Trans* Menschen erleben Diskriminierung aufgrund ihrer Stimme

Für trans* Frauen ist es schwieriger: Wenn sie einmal als Jugendliche einen Stimmbruch durchlaufen haben, können Östrogene ihre Stimme nicht mehr verweiblichen. „Manche trans* Frauen leiden darunter, wenn die Stimme brummt und sie dadurch auffallen“, sagt Marian. Er trainiert mit ihnen, dass der Kehlkopf nach oben steigt und sich der Resonanzbereich aus dem Rachenraum nach vorn verlagert, sodass die Stimmlippen nicht mehr voll schwingen.

Viele trans* Frauen empfinden ein stimmliches Passing als notwendig – zumindest in der Öffentlichkeit. Es kann sie davor schützen, angestarrt, bespuckt oder beleidigt zu werden. Es gibt einige, die sich nicht trauen, in der U-Bahn zu sprechen, oder denen am Telefon eine Dienstleistung verweigert wird, weil ihnen nicht geglaubt wird, dass sie die Person sind, die sie sind. Auch erleben sie Diskriminierung und Mobbing im Berufsleben, werden nicht ernst genommen, wenn sie mit einer zu tiefen Stimme sprechen. Cis Frauen werden wiederum im Berufsleben nicht ernst genommen, wenn sie mit einer zu hohen Stimme sprechen. Gerade dann, wenn sie sich in einer Unternehmenskultur bewegen, die von männlich-patriarchaler Dominanz und Abwertung von Weiblichkeit geprägt ist.

Cis Frauen sprechen tiefer als noch vor 20 Jahren

„Um gleichberechtigt zu sein und ernst genommen zu werden, haben cis Frauen die cis männlichen Stimmvorbilder adaptiert“, sagt Prof. Dr. Doris Kolesch. Sie ist Theaterwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin und hat zu Stimme und Gender geforscht. Im Gespräch mit SIEGESSÄULE weist sie auf eine Studie der Universität Leipzig von 2017 hin, die Interessantes ergeben hat: Cis Frauen sprechen tiefer als noch vor 20 Jahren. Zu den Sprechstimmen von cis Männern liegt nur noch ein Tonabstand von fünf Tönen, nicht mehr von acht. „Das liegt an der Bedeutung männlicher Stimmvorbilder in der Öffentlichkeit, die als durchsetzungsstark gelten“, erklärt Kolesch. „Einer dunklen, ruhigen, gesetzten Stimme wird mehr Kompetenz und Souveränität zugeschrieben als einer piepsig-naiven Stimme. Moderatorinnen zum Beispiel sprechen schon lange dunkler.“

„Auch die Stimmen vieler lesbischer Frauen klingen neutraler“, sagt Amelie Protscher lächelnd. Sie ist Musikerin und lebt mit ihrer Frau und ihrem Hund in Caputh bei Potsdam. „Viele lesbische Frauen lassen gerne ‚die Taffe‘ raushängen. Da passt ein helles, unschuldig wirkendes Piepsstimmchen nicht.“ Stimmtherapeut Marian Hudek meint dazu: „Die Stimme spiegelt immer die innere Haltung wider. Wenn du viel über politische Korrektheit nachdenkst und kommunizierst, klingt die Stimme anders, als wenn du über die neueste Handtasche sprichst.“

Bestimmte Sprechweisen in der schwulen Szene erzeugen ein Gemeinschaftsgefühl


Die Stimmen einiger schwuler Männer werden hingegen als androgyn empfunden. „Es gibt das Klischee einer tuntigen Stimme – melodiös, hoch und mit lang gezogenen Vokalen. Aber das wird mehr durch Filme als durch die alltägliche schwule Stimmpräsenz verbreitet“, erklärt Doris Kolesch. Dennoch gibt es in schwulen Szenen bestimmte Sprechweisen, die sich über Nachahmung verbreiten und so quasi eine Art Gemeinschaftsgefühl erzeugen. So wirken die Stimmen vieler schwuler cis Männer scheinbar femininer als die Stimmen heterosexueller cis Männer, und einige haben deswegen in bestimmten Situationen Angst, als schwul erkannt zu werden.

Bei Jonny Pierce, dem Sänger der US-Indieband The Drums, ging diese Angst sogar noch tiefer: Sie prägte dauerhaft den Umgang mit seiner eigenen Stimme. So musste er vor ein paar Jahren beinahe seine Tournee abbrechen, weil seine Stimme ständig heiser wurde, wie er 2016 in einem selbst verfassten Beitrag auf talkhouse.com erzählte. Er ging zu einer Logopädin und die fand heraus: „Jonny, es macht deine Stimme kaputt, wie du sprichst. Du sprichst in einer tieferen Tonlage als in deiner natürlichen. Deine natürliche Sprechstimme ist höher.“

Jonny wusste intuitiv, woran das lag: „Ich kämpfte mit meiner verinnerlichten Homophobie. Ich sprach unnatürlich maskulin, ohne es zu wissen. Als ich jünger war, hatte ich diese Stimmlage unbewusst adaptiert, um zu vermeiden, als schwul identifiziert zu werden.“ Mit Hilfe der Logopädin begann er, seine eigentliche Stimme freizulegen. Kein einfacher Prozess, wie er im vergangenen Sommer in einem Interview mit SIEGESSÄULE erneut betonte: „Ich dachte, ich hätte diese schlechte Angewohnheit überwunden, aber neulich wies mich mein Freund darauf hin, dass ich bei meinen Ansagen zwischen den Songs bei einem Konzert schon wieder meine Stimme tiefer klingen ließ, als sie eigentlich ist. Verdammte Scheiße, wir alle wissen, dass sich Homophobie aus Misogynie speist. Es ist so krass, wie tief all diese Ängste sitzen.“

Viele Schwule verstellen ihre Stimme


Das Switchen der Stimme je nach Situation ist bei vielen Schwulen häufig – denn wie bereits erwähnt kann unter Gleichgesinnten eine bestimmte Stimmlage verbindend wirken. So ging es zum Beispiel dem schwulen New Yorker Filmemacher David Thorpe. Er adaptierte als Jugendlicher unbewusst eine feminine Stimme, um anderen Schwulen seine Orientierung zu signalisieren. Als er 2014 den Dokumentarfilm „Do I Sound Gay?“ produzierte, machte er die Beobachtung, dass viele schwule Männer mit ihrer Stimme hadern und sie in einem heteronormativen Kontext anpassen, verstellen, ihren „Code switchen“, wie es mehrere ProtagonistInnen in Thorpes Film beschreiben.

„Ob wir als männlich, weiblich, homosexuell oder heterosexuell wahrgenommen werden, hat mehr mit der Klangfarbe als mit der Tonhöhe zu tun“, sagt Doris Kolesch. Klangfarbe ist das, was zwei Klänge mit gleicher Tonhöhe und Lautstärke unterscheidet. Als weiblich gelten Klangfarben, die hell, warm und weich klingen. Als männlich gelten Klangfarben, die dunkel-dumpf und metallisch-scharf klingen. Diese Beobachtung hat auch die Musikerin Amelie Protscher mit ihrer Singstimme gemacht: „Im Rock/Pop-Gesang ist es eine Frage der Klangfarbe, nicht der Höhe oder Tiefe, ob eine Stimme als männlich oder weiblich wahrgenommen wird. Das sind subtile Unterschiede. Zum Beispiel singen Bruce Springsteen und Melissa Etheridge in derselben Tonhöhe. Sie klingt rotzig, aber trotzdem weiblich.“

Amelie, die vor über 20 Jahren transitionierte, sang früher gerne. „Aber nach dem Stimmbruch habe ich meine Singstimme gehasst, die war unbenutzbar.“ Weil es sie bedrückte, nicht mehr singen zu können, ließ sie sich 2014 in Südkorea die Stimmbänder operieren. Seitdem fällt es ihr leichter, in einer hohen Tonlage zu sprechen, ihre Stimme klingt nicht mehr so metallisch-scharf – also „maskulin“ –, und sie hat wieder Freude am Singen. Amelie, die Bass und Gitarre in verschiedenen Bands spielt, veröffentlicht im April ihr erstes Soloalbum als Singer/Songwriterin. Es heißt „When Language Was Innocent“ und erstmals nutzt die Multiinstrumentalistin darauf auch ihre Stimme als Instrument. „Die Stimme war meine Motivation, Musik für mein Album zu schreiben und auch selber einzusingen.“

Die eigene Stimme akzeptieren


Doch nicht alle trans Frauen möchten eine solche OP vornehmen. Und auch hier kann das Singen helfen: Einige sind dadurch selbstbewusster geworden und haben über ihre Singstimme gelernt, auch ihre Sprechstimme zu akzeptieren. Unser Covermodel Lyra Pramuk ist Sängerin, trans, kommt aus den USA und lebt seit fünf Jahren in Berlin. In den USA studierte sie klassischen Operngesang und wurde in eine männliche Rolle gedrängt; in Berlin lernte sie, sich davon frei zu machen: „Meine Sicht auf Stimme war gegendert. Ich musste den Gedanken überwinden, meine Stimme wäre männlich. Auch viele cis Frauen haben tiefe Stimmen. Ich bin wie ich bin, und ich möchte mich nicht verändern, um in ein Stereotyp zu passen.“ Diesen selbstverständlichen Umgang mit ihrer Sprechstimme lernte Lyra über das Singen: „Wenn ich singe, dann bin ich frei von Gender-Konzepten. Singen ist für mich spirituell. Ich sehe mich als Priesterin und möchte, dass die Menschen meine Musik in ihrem Körper fühlen können. Und dazu nutze ich meine tiefe Stimmlage. Ich hoffe, dass dieses Ritual heilsam ist.“

In der Tat kann es nur heilsam sein, sich frei zu machen von der Angst, die eigene Stimme könnte als zu männlich, weiblich, schwul oder lesbisch empfunden werden – auch wenn das bisweilen schwerfällt. Denn letztendlich ist es so: Jede Stimme stimmt so, wie sie ist.

Naomi Noa Donath


Marian: vivoce.de

Amelie: ameliezapf.com

Lyra: soundcloud.com/lyra_songs

Doris:
doris-kolesch.de




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