Reportage

Zwischen Dating-Apps und Ehe für alle: Wie läuft das Coming-out heute ab?

Wie hat sich das Coming-out in Zeiten von PrEP, Ehe-Öffnung und schnell verfügbarer Informationen und Kontakte im Internet verändert? Wir haben mit jungen Leuten über ihre Erfahrungen gesprochen

v. l. n. r.: Aaron (16), Linus (31), Sabrina (19) © Rainer Christian Kurzeder

23.01.18 – „Mama, ich bin …“ – ja, was eigentlich? Lesbisch, schwul, trans*, inter, pan, poly, queer, nichts von alledem? Das Coming-out hat sich über viele Generationen gewandelt. Wo früher Selbsthilfegruppen und -literatur Jugendlichen bei der Entdeckung ihrer (sexuellen) Identität halfen, ist heute das nächste bewegende Coming-out-Video nur einen Klick entfernt. Nichtheterosexuelle Lebensweisen werden zunehmend akzeptiert. Doch wird es dadurch leichter, den eigenen Weg zu finden? Wir haben mit einem Psychologen und drei jungen Menschen über das Coming-out in Zeiten von Dating-Apps, PrEP und Ehe für alle gesprochen.

Im Leben eines jeden queeren Menschen kommt dieser Moment der Selbstbefragung: Stehe ich auf Mädchen? Auf Jungs? Oder auf beides? Und kann es sein, dass ich mich als Mädchen fühle, obwohl ich als Junge erzogen wurde oder andersrum? Bin ich überhaupt eins von beiden? Manchmal dauert dieser Moment eine Ewigkeit, Antworten stellen sich als falsch heraus, weitere Optionen kommen hinzu, neue Fragen tauchen auf.

Als wäre dieses innere Coming-out nicht schon schwierig genug. Da sitzt man nun im Schrank, hat das Licht angeknipst und kann alles auf der Kleiderstange klar erkennen, aber will man überhaupt raus? Out of the closet? Wenn ja, wann? Und wem soll man es erzählen?

Ängste damals und heute


Diplom-Psychologe Arnd Bächler engagiert sich seit 1993 in der Jugendarbeit bei der Schwulenberatung Berlin. Er leitete über zehn Jahre lang zwei Coming-out-Gruppen pro Jahr und stellt fest, dass heute viele Ängste dieselben sind wie früher: „Dass man einer Minderheit angehört, dass man gemobbt wird, Gewalt erfährt, dass die Familie und FreundInnen sich abwenden – diese Ängste bleiben.“ Deutlich abgenommen habe die Angst vor HIV/Aids. Spielte in der 1980ern und 90ern die mögliche Infektion noch eine große Rolle beim Coming-out, ist das Thema heute in Zeiten von sehr guten Therapien und der Vorbeugemaßnahme PrEP weitaus weniger angstbesetzt.

Dass Ablehnung durch die Familie immer noch eins der größten Probleme darstellt, deckt sich mit den Ergebnissen einer repräsentativen Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) von 2015. Für „Coming-out – und dann …?!“ wurden 5000 nicht heterosexuelle Jugendliche zwischen 14 und 27 befragt. Über 63 Prozent der Jugendlichen gaben an, nach ihrem Coming-out von der Familie nicht ernst genommen worden zu sein. Fast jede/r zweite Jugendliche berichtet, Diskriminierung durch die Familie erfahren zu haben. Immer mehr junge Menschen machten aber auch positive Erfahrungen mit ihrer Umwelt, so Arnd Bächler: „Die Eltern sind tendenziell liberaler geworden, genauso wie Schulen, Sportvereine und Kirchen.“

Einer dieser Jugendlichen ist der gebürtige Berliner Aaron. 2016 hatte er mit 14 Jahren sein Coming-out erst bei seinem Cousin, dann bei seinen Eltern und FreundInnen. „Mein Cousin hat megapositiv reagiert, der hatte sich das sowieso schon gedacht. Ein paar Tage später habe ich mich dann bei meinen Eltern geoutet. Mein Vater war ziemlich gerührt und meine Mutter hat es auch positiv aufgenommen.“ Vor seinem Gespräch mit Familie und Freunden schaute Aaron viele Videos von Coming-outs im Internet, etwas, was ihn „auf die Reaktionen vorbereitet hat“, wie er lächelnd sagt. Heute engagiert sich der mittlerweile 16-Jährige bei Mann-O-Meter, dem Beratungs- und Informationszentrum für schwule und bisexuelle Männer in Schöneberg, als Leiter der Jugendgruppe. Hier treffen sich Jugendliche, egal ob out oder nicht, zum Reden und verbringen gemeinsam ihre Freizeit. Der jüngste Teilnehmer ist zwölf. „Heutzutage finden immer mehr junge Menschen früher raus, ob sie schwul, lesbisch oder trans* sind und gehen mit der Frage auch viel offener um“, sagt Aaron. „Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.“

Arnd Bächler beobachtet darüber hinaus, dass die Coming-out-Gruppen inzwischen nicht mehr so sehr von jungen Leuten dominiert werden. „Wir haben viele Menschen, die erst spät ihr Coming-out erleben, mit 30, 40, 50“, es gebe zwar immer noch viele SchülerInnen und Studierende in den Gruppen, aber weitaus weniger als früher. „Das liegt sicherlich daran, dass junge Menschen heute ganz andere Möglichkeiten haben, gerade durch das Internet. Sich informieren und Leute kennenlernen ist zum Beispiel durch Dating-Apps viel einfacher als noch vor 20 Jahren. Das ist gerade für Jugendliche auf dem Land oft der einzige Weg, Gleichgesinnte zu erreichen.“

Emanzipation oder normativer Zwang?

Wir wählen meist selbst, ob und wann und mit wem wir über unsere sexuelle und geschlechtliche Identität sprechen. Das kann befreiend sein: Das Gefühl, sich nicht mehr verstecken zu müssen, endlich über mehr oder weniger lang zurückgehaltene Emotionen zu reden, wird von vielen Jugendlichen als Hauptgrund für das Coming-out genannt. Die bereits eingangs genannte DJI-Studie zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt das deutlich – lässt aber auch andere Schlüsse zu.

Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität gelten der Mehrheit der Gesellschaft immer noch als naturgegeben. Diese Normen werden nicht hinterfragt – im Gegenteil, wer von ihnen abweicht, muss sich erklären. So kommt es, dass viele queere Menschen das Gefühl haben, die Standardannahme, heterosexuell oder cisgeschlechtlich zu sein, richtigstellen zu müssen. Daran haben auch Fortschritte wie die Streichung von Homosexualität als psychische Krankheit oder die Einführung der Ehe für alle nichts geändert. Die AutorInnen der DJI-Studie schlussfolgern: „Dieses Dilemma, etwas zutiefst Persönliches – die eigene sexuelle oder geschlechtliche Lebensweise – öffentlich zu machen, muss jede/r Jugendliche für sich aushandeln. Das ist eine enorme Herausforderung.

Liebe in Zeiten der Follower

Nicht alle machen so gute Erfahrungen im familiären Umfeld wie Aaron. Als Linus mit 16 das Gespräch mit seinen Eltern sucht, um über seine sexuelle Identität zu reden, wurde er vor die Wahl gestellt: deine Lebensweise oder wir. Er zog aus, lebte – damals noch als Frau – mit seiner Partnerin in einer mittelgroßen Stadt in Hessen. In einem Beitrag für den Berliner Tagesspiegel mit dem Titel „Mein langer Weg zur glücklichen Stone Butch“ erzählte er seine Geschichte bis zu diesem Punkt. Was für Aaron die Coming-out-Videos waren, war für Linus Literatur: „,Boys Don't Cry’ und ,Stone Butch Blues’ sind Bücher, die mich gerettet haben. Ich dachte, so was wie mich gibt es einfach nicht. Und dann las ich diese Bücher und fühlte mich zum ersten Mal nicht allein.“ Der Zeitungsartikel habe für ihn vieles verändert, erkennt Linus rückblickend. „Ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen, darunter aber auch Fragen wie ,Bist du dir sicher, dass du lesbisch bist?’, ,Bist du nicht trans*?' Ich habe dann für mich entschieden, dass es okay ist, den nächsten Schritt zu gehen.“

Mittlerweile hatte Linus, der heute 31 ist und in Berlin lebt, sein zweites Coming-out als trans Mann. Anfang Oktober postete er auf Facebook einen Kaffeebecher, der mit seinem Wunschvornamen „Linus“ beschriftet war – eine erste Andeutung, die er ein paar Wochen später in einem Blogpost konkretisierte. Generell teilt Linus viel online mit – sei es das Glücksgefühl, als er das erste Mal im Job als „Herr“ angesprochen wurde, oder auch die Frustration, wenn ihn Menschen in seinem Beruf als Buchhändler nach Geschenken „für Männer“ oder „für Frauen“ fragen.

So wenig Unterstützung er von seinen Eltern bekommt, umso positiver fallen die Rückmeldungen der Online-Community auf Facebook, Twitter und Instagram aus. Und auch im Job fühlt sich Linus richtig wohl. Als die Buchhandlung durch sein Posting erfuhr, dass er seinen Namen geändert hat, wurden einfach die Dienstpläne umgeschrieben. Bald, so erzählt Linus zuversichtlich, wird er seinen Namen endlich auch offiziell tragen dürfen. Im Januar geht er zum zweiten Mal zu einer Sexualtherapeutin – eine Erfahrung, auf die er gerne verzichten würde: „Da wird jedes intimste Detail erfragt, das ist echt unangenehm.“ Doch leider ist diese Prozedur für trans* Menschen in Deutschland Pflicht. Ein Jahr lang muss Linus als Mann leben und zur Therapeutin gehen, bevor er eine sogenannte gegengeschlechtliche Hormonbehandlung beginnen darf – der erste Schritt auf dem Weg dahin, dass Körper und Fühlen im Einklang sind, wie er sagt.

Sag mir, wo du stehst


Bedeutete Coming-out früher oftmals, sich in eine von zwei Schubladen – schwul oder lesbisch – einzusortieren, haben Jugendliche heute ein differenziertes Vokabular, um ihre Identität zu beschreiben: „Die Gruppe der Menschen, die Sexualität fluider sehen und Begriffe wie schwul und lesbisch für sich nicht mehr benutzen, ist größer geworden“, beobachtet auch Arnd Bächler.

Zu dieser Gruppe Menschen gehört auch Sabrina (19), die kürzlich aus einem mittelhessischen Ort mit 600 EinwohnerInnen nach Berlin gezogen ist. „Ich wusste schon, als ich klein war, dass ich nicht dieses ländliche Leben führen will“, erinnert sie sich. Gleich in ihrer ersten Woche in der Großstadt besuchte sie eine queere Jugendgruppe und hat so Anschluss zu anderen queeren Menschen gefunden. Warum sie sich nicht als lesbisch bezeichnet? „Das Label lesbisch hat noch nie so richtig auf mich gepasst, ich sage von mir selbst lieber, dass ich queer oder gay bin. Andererseits gibt es mittlerweile auch so viele Labels, dass viele Menschen einige vermutlich gar nicht kennen. Ich persönlich sehe mich zum Beispiel auch als polysexuell, fühle mich also zu verschiedenen Geschlechtern hingezogen, aber nicht zu allen. Den Ausdruck verstehen aber nicht alle. Wenn ich mit meinen Freunden zu Hause auf dem Land rede, haben sie das noch nie gehört. Dann ist es leichter zu sagen, ich stehe auf Frauen.“

Das Internet hat für Sabrinas Identitätsfindung eine große Rolle gespielt. Mit 13 hat sie die sozialen Medien für sich entdeckt, Twitter und YouTube genutzt und sich dort erstmals mit anderen queeren Menschen ausgetauscht. „Auch wenn das ,nur' online war, habe ich eine sehr starke Bindung zu den Leuten gehabt, denen ich dort begegnet bin. Das waren auch die ersten Leute, denen ich erzählen konnte, dass ich queer bin, das war quasi mein erstes Coming-out.“ Einige dieser Menschen kennt Sabrina mittlerweile auch offline: „Das sind richtige Freunde geworden, und es waren die ersten, denen ich mich öffnen konnte und die mich verstanden haben. Ohne das Internet hätte ich viele Infos gar nicht gefunden, zu Labeln, zu Identitäten, dass man so sein kann, wie man möchte. Ohne diese Online-Community wäre ich definitiv nicht an dem Punkt in meinem Leben, an dem ich gerade bin.“

Ob online oder offline, Rückhalt ist die wichtigste Stütze beim Coming-out. Das zeigen – bei all ihrer Unterschiedlichkeit – die Erfahrungen von Aaron, Linus und Sabrina deutlich. Und das ist etwas, was sich wohl nie ändern wird.

Ronny Matthes




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