Ausstellung

Mehr als nur zwei Geschlechter: Was bedeutet Non-binary?

Wie definieren sich Non-binarys, mit welchen Problemen sind sie konfrontiert? Oder handelt es sich nur um ein neues Modewort? Milan Ziebula über den Begriff und die gleichnamige Foto-Ausstellung von Parker Rebecca Hirschmüller in Berlin

© Parker Rebecca Hirschmüller

25.12.17 - Kürzlich entschied das Bundesverfassungsgericht, dass es neben dem weiblichen und dem männlichen Geschlechtseintrag einen dritten Eintrag für intersexuelle Menschen im Pass geben soll. Bis Ende 2018 soll dieser Beschluss umgesetzt werden. Die LGBT*IQ-Community feiert diese Entwicklung. Doch alle Bedürfnisse der vielen verschiedenen Gender-Identitäten sind damit noch lange nicht mitgedacht. Menschen, die sich beispielsweise als Non-binary definieren, können von dieser neuen Regelung nicht profitieren.

Non-binary-Gender ist ein Überbegriff für alle Identitäten, die sich nicht als ausschließlich männlich oder weiblich empfinden. Der Begriff ist noch recht jung. Im Englischen wird er seit etwa 2011 verwendet. Wie er genau ausgelegt wird, ist schwer festlegbar. Non-binarys können sich als Transgender definieren. Manche Non-binarys streben eine soziale und/oder physische Transition an. Das heißt, dass sie beispielsweise Hormone nehmen, um eine weiblichere oder männlichere Erscheinung zu bekommen. Einige wünschen sich eher ein androgynes Äußeres. Und Andere möchten ihre Erscheinung gar nicht verändern. Es ist möglich, dass der Vorname verändert wird. So dass er genderneutral klingt oder einem bestimmten Geschlecht eindeutig zuzuordnen ist. Auch die Pronomenwahl differiert sehr stark. Manche wollen mit gar keinem, andere wechselnd mit er_sie und andere nur mit xie angesprochen werden.

Parker Rebecca Hirschmüller (24) studiert Kommunikationsdesign und kennt sich gut aus mit dem Thema. Sie definiert sich selbst als Non-binary. Vor zwei Jahren hat sie ein Fotoprojekt mit Non-binary-Identitäten gestartet. „Ich habe über 20 verschiedene Leute kennengelernt und 20 verschiedene Perspektiven“, sagt Parker heute. „Ich habe gelernt, dass es für jede Person etwas anderes bedeutet, non-binary zu sein.“

Schlichte Farben, intime Einstellungen: Hirschmüllers Fotografien zeigen Porträtfotos von Menschen, die sich weder als männlich noch als weiblich definieren. Die Non-binarys haben sich in privaten Räumen abbilden lassen. Zu jedem Foto gehört ein Zitat, dass Parker aus einem Interview extrahiert hat. „Es ist einfach ein Gefühl. Die Optionen, die man hat passen nicht, also sucht man nach etwas das zu einem passt ...“, steht neben dem Bild von Tony.

Non-binarys werden rechtlich und politisch in Deutschland kaum mitgedacht. So gibt es beispielsweise in der Öffentlichkeit ausschließlich Toiletten für Menschen, die männlich oder weiblich sind. Eine dritte Toilette gibt es häufig nicht. Würde es sie geben, würden sich Non-binarys nicht genötigt fühlen, sich für eine Geschlechtskategorie zu entscheiden.

Ein anderes Problem sind die Pronomen im deutschen Sprachgebrauch. Es gibt er und sie, aber kein etabliertes drittes Pronomen. AnnaHeger (Comic-Artist und Gender-AktivistIn, Anm. d. Red.) entwickelte das Pronomen xie, das jedoch nicht öffentlich anerkannt ist. Eine Festlegung auf ein weiteres, genderneutrales Pronomen, wie das englische they, würde vielen Non-binarys entgegenkommen.

Parker Rebecca Hirschmüller macht außerdem darauf aufmerksam, dass eine Transition, zum Beispiel die Einnahme von Hormonen, für Non-binarys nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist. „Es ist hier schwer, Hormone zu bekommen als Non-binary. Die Ärzte sagen: Aber warum willst du mit Hormonen rumspielen, wenn du nicht eindeutig männlich sein willst? Die Leute sind nicht gemein, sondern sie wissen nicht, wie sie damit umgehen können, weil es keine Gesetze gibt.“ Wenn ein Mensch eine Transition wünscht, sollte dem rechtlich nichts entgegenstehen. Es sollte kein Unterschied gemacht werden, ob sich jemand als Transgender, Non-binary oder einem anderen Gender zugehörig fühlt. Gerade weil die Grenzen von Non-binary zu Transgender so fließend sind, macht es wenig Sinn, den einen eine Hormonbehandlung zu verwehren, die ein anderer für sich beanspruchen kann.

Böse Zungen unterstellen dem Phänomen Non-binary, eine Art „Modetrend“ zu sein. Ist da was dran? Wir leben in einer Zeit, die stark vom Individualismus geprägt ist. Etwas Besonderes, etwas Anderes sein, scheint notwendig, um die Mechanismen der modernen Aufmerksamkeitsökonomie zu durchdringen. Einerseits verhält sich eine Ausdifferenzierung der Identitätskategorien affirmativ gegenüber einem System, dass individualistische Lebensweisen als Marketingstrategie nutzt. Andererseits können Konzepte wie Non-binary die erdrückende Normativität einer Welt, in der Frauen so und Männer so zu sein haben, tatsächlich in Frage stellen.

Genau das passiert mit Projekten wie dem von Parker Hirschmüller. Ihre Fotos sind derzeit im Jugendmuseum Schöneberg zu sehen. Hirschmüller versteht ihre Arbeit als Bildungsarbeit. Ihr Ziel ist, dass Menschen, die noch gar keinen Kontakt mit dem Thema Non-binary haben, ein bisschen mehr Toleranz und Akzeptanz für die Geschlechtervielfalt entwickeln.

Milan Ziebula



Parker Rebecca Hirschmüller

„Non-Binary“, Ausstellung bis 25. März, Jugendmuseum, Hauptstraße 40/42

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




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