Szene

Zum 75. Geburtstag von Rosa von Praunheim: Kampf dem schwulen Spießertum

Eine Hommage von SIEGESSÄULE- und L-MAG-Verlegerin Manuela Kay an den Künstler Rosa von Praunheim, der am 25.11. seinen 75. Geburtstag feiert

Rosa von Praunheim © Marcus Witte

24.11.17 – „Wenn wir wirklich Filme machen, schreiben, fotografieren, malen, singen, tanzen oder spielen wollen, dann müssen wir es wirklich wollen, und zwar nicht vom Verstand aus, sondern tief aus unserem Herzen.“ So simpel und doch weise schreibt es Rosa von Praunheim in seinem neuen Buch „Wie wird man reich und berühmt?“, das anlässlich seines 75. Geburtstags erscheint.

Und ein großes Herz hat der umtriebige Multikünstler allemal. In seiner bisherigen Schaffenszeit machte er weit über einhundert Filme (rechnet man die vielen Kurzfilme mit ein), schrieb Bücher, malte Bilder, schrieb Gedichte und war in Dutzenden Talkshows stets das Enfant terrible. Sein Erfolg begann mit einem Donnerschlag: dem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Das war, man kann es heute kaum glauben, 1971 und die Initialzündung für eine neue Schwulenbewegung in ganz West-Deutschland – und das, obwohl (oder gerade weil?) er damals auch der schwulen Piefigkeit und dem von Unterwürfigkeit und Selbstgefälligkeit geprägten Spießertum den Kampf ansagte.

Seitdem, was also nicht weniger als 47 Jahre voller Kreativität umfasst, war er nie ruhig, nie untätig und vor allem nie angepasst. Rosa ist die Antithese zum netten, gut gestylten schwulen Mann mit guten Manieren, der von sich für tolerant haltenden Heterofreunden gern als Zierde auf jede Party eingeladen wird. Auch für viele Schwule und Lesben ist Rosa gewissermaßen der Antichrist.

Der ewig aktive Nörgler, Frager, Ankläger gibt keine Ruhe. Kein Thema ist ihm zu heiß, Tabus gibt es nicht. Er geht gern dahin, wo es wehtut. Und macht auch noch Filme darüber. Egal ob es Aids und Tod, alte Frauen oder sexuelle Abgründe sind. Prostitution, sexueller Missbrauch, Nazis, Kannibalen, alles, was aufregt, aber zugleich auch irgendwo menschlich ist, hinterfragt er schonungslos. Ausgesprochen gerne fragt er Leute ohne Umschweife nach ihrem Liebes- und Sexleben und schockiert damit. Und er gibt sich nie Mühe, gemocht zu werden. Deshalb mögen ihn viele auch nicht. Weil er es gar nicht nötig hat. Das regt viele, vor allem in der LGBT-Community, auf: Wie kann sich einer nur so viel rausnehmen? Vielleicht weil er es einfach kann? Weil er den Arsch in der Hose hat, authentisch zu sein und anzuecken? Bescheidenheit ist seine Sache sicher nicht. Genauso wenig wie Diplomatie. Er scheißt auf Konventionen und auf gefälliges Sich-Anbiedern. Und dennoch bekommt er da, wo andere jammern und Diskriminierung schreien, weil sie ihre Film- oder Buchprojekte mit Homo-Thematik nicht realisiert bekommen, stets vieles gebacken. Immer neue Filme von ihm laufen auf Festivals, im Kino und im Fernsehen. Nicht alle sind gut, aber wie man Dinge wirklich umsetzt und einfach etwas schafft, statt zu jammern und zu schmollen, das kann wirklich jeder künstlerisch ambitionierte Mensch von Rosa lernen. In seinem Buch ist dies übrigens sehr unterhaltsam und einfach zu lesen festgehalten. Ob man davon reich und berühmt wird, ist natürlich eine andere Frage. Aber viel Output ist in jedem Falle garantiert.

Zu seinem 75. Geburtstag will er es nun erneut wissen: ein neuer Film „Überleben in Neukölln“ – mit einer sensiblen Auswahl wirklich skurriler Typen, die gefühlvoll porträtiert werden, ein neues Buch, eine viertägige Ausstellung in der Galerie Raab mit Zeichnungen von ihm und anderen sowie ein Theaterstück über sein Leben, „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“, im Deutschen Theater im Januar 2018. Wie gesagt, Bescheidenheit ist seine Sache nicht – wozu auch?
Am 25. November 2017 wird Rosa von Praunheim 75 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch! Ich wünschte, er würde glatt noch mal weitere 75 Jahre leben, um die Szene so schön in Atem zu halten und um all die homosexuellen Spießer nicht zur Ruhe kommen zu lassen!   

Manuela Kay


Film: „Überleben in Neukölln“, D 2017, Regie: Rosa von Praunheim, mit Juwelia Soraya u. a., ab 23.11. im Kino
Interview mit Juwelia zum Film

Buch: Rosa von Praunheim: „Wie wird man reich und berühmt?“, Martin Schmitz Verlag, 240 Seiten, 16,80 Euro

Ausstellung: Rosa von Praunheim wird 75, 25.–28.11.,
Sa/So 11–16:00, Mo/Di 10–19:00, Raab Galerie, mit Werken von Rosa von Praunheim, Elfi Mikesch, Juwelia Soraya u. a.




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