Interview

Kontroverse um den Film im Homo-Mahnmal: Wie geht es weiter?

Die Entscheidung über den neuen Film ist jetzt auf Januar verschoben worden. Wir sprachen mit Anika Oettler, die ein Buch über das Denkmal herausgegeben hat

der entfernte Kuss-Film im „Homo-Mahnmal“ zeigt den schwulen dänischen Nationalisten Jim Lyngvild © Tanja Schnitzler

28.11.17 – Die Aufregung war groß: Anfang des Jahres deckte SIEGESSÄULE auf, dass im Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Berliner Tiergarten der bekennende Nationalist und Rassist Jim Lyngvild zu sehen war. Ein dänischer Tourist hatte den Schauspieler zufällig erkannt. Der Film im Denkmal, eine Kussszene zwischen Lyngvild und einem anderen Mann, wurde daraufhin gegen eine ältere Videosequenz ausgetauscht. Nun wurden die Mittel für einen neuen Film genehmigt. Eine Expertenjury sollte im November über die eingereichten Entwürfe entscheiden. Die Entscheidung wurde aber jetzt auf Januar verschoben. Wir baten die Soziologin Anika Oettler, die kürzlich ein Buch über das Mahnmal herausgebracht hat, um ihre Einschätzung zur Debatte und zur Frage, was von dem neuen Film zu erwarten ist

Anika, wie stehst du zum Lyngvild-Skandal? Wenn alles stimmt, was über Lyngvild zu lesen war, hat sich durch ihn der Kuss zwischen zwei nicht besonders auffälligen Schwulen in den Kuss eines rassistischen, sexistischen und homophoben Schwulen verwandelt. Im Kontext des Aufwindes von rechtspopulistischen Bewegungen in Europa unterstreicht dieser Fall die Notwendigkeit, sich damit auseinanderzusetzen, dass es auch unter Homosexuellen rassistisches und völkisches Denken gibt.

Um das Denkmal gab es ja schon vor diesem Vorfall immer wieder Kontroversen: Unter anderem ging es um die Frage, ob in dem Film auch lesbische Frauen zu sehen sein sollen. Diese Diskussion setzt an der grundlegenden Frage an, wer wie von Verfolgung und Diskriminierung betroffen war und ist. Hier auf gravierende Lücken in der historischen Aufarbeitung aufmerksam gemacht zu haben war ein wichtiges Resultat der Debatte. Ich persönlich bin dem Film mit Lyngvild, der ja der erste war, der im Denkmal gezeigt wurde, als einer Symbolik begegnet, die „Homosexualität“ in das Bild des innigen Kusses übersetzt und damit das Unmenschliche der Verfolgung und Diskriminierung spürbar macht. Da dies aus meiner Sicht hervorragend gelungen war, hatte ich ein ambivalentes Verhältnis zur Debatte um die „Ausblendung“ lesbischer Frauen im Denkmal.

Findest du, dass das Denkmal den Zweck eines würdigen Gedenkens bis jetzt erfüllt? Denkmäler sind zunächst nicht mehr und nicht weniger als Objekte im öffentlichen Raum. Dass das Denkmal in diesem Fall mitten im politischen Zentrum des Landes steht, verleiht ihm sicherlich die Würde des offiziellen Gedenkens. Letztlich kommt es aber darauf an, wie es genutzt wird. Das Mahnmal ist durch Gedenkveranstaltungen, aber auch durch private Akte des Gedenkens ein Ort der Selbstvergewisserung und der Aushandlung von historischer Erinnerung geworden.

Was kann und soll der neue Film leisten? Die bisherigen Kontroversen zeugen von der Schwierigkeit lückenloser Repräsentation. Vermeiden ließe sich dies nur durch einen höheren Grad an Abstraktion. Vielleicht macht aber auch gerade die immer wieder neu aufflammende Debatte das Denkmal lebendig.

Interview: Christian Lütjens


Anika Oettler ist Professorin für Gesellschaftliche Entwicklung und vergleichende Sozialstrukturanalyse in Marburg und Herausgeberin des im September erschienenen, sozialwissenschaftlichen Sammelbandes über das Denkmal im Tiergarten

Anika Oettler (Hg.): „Das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Entstehung, Verortung, Wirkung“, Transcript, 182 Seiten, 29,99 Euro




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