Film

„Böse, kämpferische Schwuchteln und Dykes" – Robin Campillo über sein Meisterwerk „120 BPM“

Mit „120 BPM“ kommt am Donnerstag einer der wichtigsten Filme über die Aids-Krise in die Kinos! Wir sprachen mit Regisseur Robin Campillo, der in den 90ern selbst Aids-Aktivist war

© Salzgeber

28.11.17 – In Cannes galt „120 BPM“ als der heimliche Sieger des Festivals und wurde nicht nur mit der Queer Palm, sondern auch mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet. Nun kommt Robin Campillos autobiografisches Drama um die Pariser Aids-Aktivistengruppe Act Up auch bei uns in die Kinos: 144 hochemotionale, packende und bewegende Filmminuten über das Leben, Lieben und Sterben auf dem Höhepunkt der Aids-Krise Anfang der 90er-Jahre. Axel Schock hat sich mit dem Regisseur über das inzwischen vielfach prämierte Meisterwerk unterhalten

Was hat Sie dazu bewogen, nach zwei Jahrzehnten Ihre Zeit bei Act Up Paris in einem Spielfilm zu thematisieren?Ging es Ihnen darum, den verstorbenen Freunden und Mitstreitern auf diese Weise ein filmisches Denkmal zu setzen? Ich sehe diesen Film nicht als Hommage. Als ich 1981 zum ersten Mal in den französischen Zeitungen über diese neue Krankheit in den USA las, war ich 20 Jahre alt. Von da an hat diese Epidemie mein Leben beeinflusst. Die grauenvolle Angst, dass auch ich mich infizieren könnte und ich sterben müsste, hatte mich völlig paralysiert. Sie hat mich letztlich auch daran gehindert, Filme zu machen. 1992 bin ich dann zu Act Up gestoßen und war für viele Jahre aktives Mitglied. Erst danach habe ich zum Filmemachen gefunden, und vor wenigen Jahren wurde mir schlagartig bewusst, dass dies der Film ist, den ich gewissermaßen immer vor Augen hatte, und ich fühlte mich nun auch handwerklich so weit, ihn genau so umsetzen zu können, wie er mir vorschwebte.

Was war Ihnen dabei besonders wichtig?
Ich wollte auf jeden Fall nicht noch einen Film drehen, der sich um Schwule als Opfer der Aids-Epidemie dreht. Denn das genau war es, worum es bei Act Up eben auch ging: nämlich nicht bedauernswerte Opfer, sondern böse, kämpferische Schwuchteln und Dykes zu sein! Das war eine ungemein kraftvolle Erfahrung. Mir war wichtig, diese Metamorphose zu zeigen und die Power spürbar zu machen, mit der wir gegen die Ausgrenzung von Schwulen, aber auch anderer Minderheiten, gegen die Stigmatisierung von Aidskranken und auch gegen die Pharmaindustrie ankämpften. Und um auf die erste Frage zurückzukommen: Ein bewusst als Hommage konzipierter Film wäre ein Film über Geister gewesen. Ein Historienfilm, wenn man so will. Mir lag aber sehr daran, die Verbindung zum Heute aufzubauen. Dies war sicherlich die größte Herausforderung, viel größer, als die Ereignisse zu rekonstruieren und die Stimmung von damals lebendig werden zu lassen.

Wie sind denn Ihre Erfahrungen bislang mit den jüngeren ZuschauerInnen? Haben die zuvor überhaupt schon mal von Act Up gehört? Nein, auch viele der jungen Darsteller in meinem Film, die meisten davon schwul, wussten nichts von Act Up. Ich war wirklich überrascht, wie schnell unsere Geschichte verschwindet. Auch wenn das von mir ursprünglich gar nicht intendiert war, so hoffe ich nun doch, dass dieser Film vielleicht dazu beiträgt, solche Lücken in der Geschichte der Gay Community und der anderen von HIV betroffenen Minoritäten zu schließen.

Das gesamte Interview könnt ihr auf Seite 66-67 in der aktuellen Dezemberausgabe der SIEGESSÄULE lesen.

Online ist sie hier verfügbar


Robin Campillo, Regisseur von „120 BPM“ © Céline Nieszawer


120 BPM, F 2017. Regie: Robin Campillo,
mit Adèle Haenel, Nahuel Pérez Biscayart,
Arnaud Valois, Antoine Reinartz, Yves Heck,
ab 30.11. im Kino




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