Film

„Wenn ich deswegen ins Gefängnis komme, dann soll es so sein“

Am Wochenende ist das Schwulendrama „Loev“ im Kino Babylon zu sehen, das unter enormen Schwierigkeiten in Indien entstand. Wir haben mit Regisseur Sudhanshu Saria über seinen Film gesprochen

Szenenbild aus „Loev“ © Pro-Fun Media

26.05. – Nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit konnte das Schwulendrama „Loev“ in Indien gedreht werden, wo homosexuelle Handlungen immer noch unter Strafe stehen. Bei einem Trip ins Gebirge verliebt sich Musiker Sahil in eine alte Flamme, was die Beziehung zu seinem Lebenspartner in Frage stellt. Die Geschichte beruht auf persönlichen Erfahrungen von Regisseur Sudhanshu Saria. Am Wochenende ist sein Film im Kino Babylon in der Reihe „Indogerman Filmdinner“ zu sehen. SIEGESSÄULE-Redakteur Andreas Scholz hat mit dem Filmemacher gesprochen

Sudhanshu, „Loev“ wurde bisweilen als erster indischer Film bezeichnet, in dessem Zentrum eine schwule Liebesgeschichte steht. Aber stimmt das eigentlich und inwieweit gibt es auch in Indien ein queeres Kino?
Indien hat so eine reiche Kinogeschichte und so einen unendlich großen Output an Filmen, dass queere Charaktere natürlich auch hier längst ihren Weg auf die Leinwand gefunden haben. Ein Großteil von ihnen sind allerdings eher Karikaturen, deren Homosexualität als komödiantisches Element genutzt wird oder sie treten als eine Art Sidekick des Helden auf und ihre Sexualität wird nicht offen thematisiert. Es gibt LGBT-Filme, die da einen anderen Zugang haben. Sie erzählen meist Geschichten von schwulen Charakteren, die tragische Figuren oder Aktivisten sind und sich gegen die Gesellschaft auflehnen. Am Ende werden sie für gewöhnlich bestraft, getötet oder begehen Selbstmord. Mein Film entspricht in dieser Hinsicht sicherlich nicht diesem Muster. Aber selbst wenn man sich das internationale schwule Kino anschaut, ist es voller Klischees und standardisierter Szenen: geradezu obligatorisch sind die schlanken Jungs, die in Unterwäsche rumlaufen, die Duschszene, der Vater-Sohn-Konflikt usw. Ich wollte das alles vermeiden und einen schwulen Film für eine neue Generation machen, der sich eher für die Liebe zwischen diesen Männern interessiert.

Gibt es überhaupt eine Chance, dass dein Film in Indien gezeigt werden kann oder sogar einen regulären Kinostart bekommt?Und inwieweit hat die Tatsache, dass der oberste Gerichtshof Indiens homosexuelle Handlungen wieder unter Strafe gestellt hat, Einfluss darauf?
Der Film wurde für ein indisches Publikum gemacht und wir werden alles Erdenkliche tun, damit er sie auch erreicht. Der rechtliche Status von Homosexuellen in Indien, die Zurückweisung von Verleihern und Investoren aufgrund der zu erwartenden Kontroversen, macht die Sache allerdings nicht unbedingt leichter. Aber ich denke, dass wir einen Weg finden werden. Wir sind die letzten sechs Monate um die Welt gereist und haben den Film gezeigt, damit die Leute auf ihn aufmerksam werden. Die Erfahrungen, die wir dabei gemacht haben, kommunizierten wir an unsere Leute daheim weiter. Und über die sozialen Netzwerke bekommen wir von ihnen viele positive Reaktionen auf den Trailer oder die bereits erschienenen Rezensionen. Deswegen glaube ich, dass das indische Publikum für den Film bereit ist.

Unter welchen Bedingungen konnte der Film überhaupt in Indien gedreht werden? 
Wir mussten sehr vorsichtig sein. Einen Film zu machen erfordert so viele Genehmigungen. Wir wollten auch die Leute, die uns unterstützt haben, nicht in Gefahr bringen und deswegen unnötige Risiken vermeiden. Schließlich konnten wir nicht einschätzen wie die Regierung oder die rechten religiösen Gruppen reagieren würden, wenn sie von unserem Vorhaben Wind bekommen hätten. Da wir auch an einigen Regierungsorten und in religiösen Städten drehen mussten, beschlossen wir, die sexuelle Orientierung der Charaktere unerwähnt zu lassen und haben den Film als eine Geschichte über Freundschaft verkauft. Mit Ausnahme der Schauspieler und des engen Filmteams, erzählten wir niemand davon, auch nicht unseren Familien. Auch in unserem Crowdfunding-Video kommt das Wort schwul nicht vor.

Befürchtest du irgendwelche Repressalien, nachdem der Film fertig gestellt wurde?  
Nachdem der Film jetzt da ist, gehört er allen. Wenn die Regierung denkt, dass die Darstellung der Liebe zwischen zwei Männern derart radikal ist, dass ich dafür ins Gefängnis komme, dann soll es so sein. Persönlich denke ich aber, dass sie die Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit, mit der wir dem Thema begegnet sind, sehen werden und uns in Ruhe lassen.

Mit „7 Göttinnen" kommt im Juni ein weiterer indischer Film in die deutschen Kinos, in dem Homosexualität ebenfalls eine Rolle spielt. Dessen Regisseur Pan Nalin hat wie du einen starken internationalen Background. Du hast zum Beispiel mehrere Jahre in Los Angeles gelebt. Glaubst du, es war deswegen einfacher für dich, so ein Thema in Angriff zu nehmen? 
Ich und Pan Nalin sind beide viel auf Reisen gewesen und haben außerhalb unserer Kulturen gelebt, sodass unser Glauben an das Publikum möglicherweise größer ist. Wir haben erlebt, dass alle möglichen Storys ungesetzt werden konnten und auch ihr Budget wieder einspielten. Das ist extrem wichtig. Wenn Filmemacher und Filmemacherinnen sich ein neues Thema wählen, dann dürfen sie nicht das Gefühl haben, dass das Einbinden von LGBT-Charakteren ihre Chancen minimiert, den Film auch umsetzen zu können. Wenn du nur den Zensur-Apparat vor Augen hast und eine Regierung, die Homosexualität für illegal erklärt und im Gegenzug dich nicht mit den internationalen Verleihstrukturen auskennst und weißt, welchen Wert so ein Film außerhalb Indiens haben kann, dann ist es eine viel größere Hürde, ein entsprechendes Drehbuch in Angriff zu nehmen. Aber ich hoffe, dass Filme wie „Loev“ FilmemacherInnen und DrehbuchschreiberInnen inspirieren, eine größere Diversität von Filmen in indische Kinos zu bringen.

Interview: Andreas Scholz

Kinotermine:
28.05., 16:30, Kino Babylon
29.05., 14:00, Kino Babylon
30.05., 22:00, Kino Babylon
Im Anschluss jeweils Q&A mit Regisseur Sudhanshu Saria (li.) und Produzentin Katharina Suckale via Skype bei indischem Essen.

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